Kulturelle Herrscherkaste ehrt Jürgen Habermas am Ende des progressiven Zeitalters

Hier kommt eines der wichtigsten Zeitzeichen dieses Jahres.
Joachim Lottman schreibt in seinem Bericht über die Verleihung des deutsch-französischen Medienpreises an Jürgen Habermas durch die deutsch-französische „Herrscherkaste“ wie immer großartige Popliteratur. Ich kenne ihn noch aus Zeiten, wo sein Debutroman in meinem damaligen Lieblingsmagazin SPEX (einem Musikmagazin für narzisstische Salonmarxisten) gefeiert wurde.
Dass jemand wie der taz-Autor Lottmann im Jahr 2018 so offen das linke Establishment angreift und trotzdem den wichtigsten Bericht zur Preisverleihung Habermas‘ abliefert ist für viele der Paukenschlag für den kulturellen Rechtsrutsch. Für mich ist er der Beginn eines neuen popkonservativen Zeitalters.

Und nochwas: Die popkonservativ-libertäre Revolution wird nicht von den popkulturell vollkommen unmusikalischen Konservativen, sondern von geläuterten Ex-Linken aus der weltweit mächtigen Kulturkaste – wie Lottmann, Poschardt, Morrissey oder Houellebecq – angeführt werden.

Die komplette Habermas-Rede wurde von der ZEIT publiziert:
Jürgen Habermas: Sind wir noch gute Europäer?

Das spekulative Fortschritts-Märtyrertum

Erste Prämisse: Der Siegeszug des Rationalismus brachte durch den gleichzeitigen Bedeutungsverlußt der religiösen Wertesysteme ernste Sinnstiftungskrisen in der westlichen Welt mit sich, von denen bis heute jede Generation betroffen ist.

Zweite Prämisse: Wir sind alle links und werden immer linker. Dadurch daß die Popkultur die Ideen der Frankfurter Schule begeistert absorbierte und über Jahrzehnte hinweg mit beispielloser Kreativität verarbeitete, konnte sich eine Grundhaltung gesellschaftlicher Selbstkritik bis in die Alltagskultur hinein durchsetzen (Dekonstruktion). Haltungen, die auf den alten bürgerlichen Werten wie zum Beispiel Leistungsbewußtsein, Ehre, Ordnung und Disziplin basieren, begegnen vor dem Hintergrund der Annahme, die Weltkriegskatastrophen verschuldet zu haben, einer oft emotional aufgeladenen Feindseligkeit oder werden zur Belustigung aller öffentlich verhöhnt. Die CDU driftet immer weiter nach links. Konservativ Denkende gewinnen keine Mehrheiten mehr.

Die These: Immer mehr Menschen spekulieren auf heroïsche Vorreiterrollen im sozialen Fortschritt, um dadurch persönliche Sinnstiftungsdefizite zu kompensieren und entfernen sich dabei immer mehr von christlich-humanistischen Maßstäben.

Galileo Galileï, Simone de Beauvoir, Martin Luther King, Nelson Mandela. Überall werden heute mutige Wegbereiter revolutionärer Ideen gefeiërt, die am Anfang hart bekämpft wurden, doch am Ende Recht behalten haben. Uns Nachgeborenen wird vermittelt: Ihr Kampf hat sich gelohnt. Ihr Leben war sinnvoll.
Die Mediën stilisieren die unbeugsamen Pioniere gerne (und nicht unverdient) zu Helden oder modernen Märtyrern. Durch die popkulturelle Maschinerie endlos vervielfältigt, überhöht man ihre Konterfeis allmählich zu unsterblichen Ikonen.

Nun haben die Protagonisten des sozialen Wandels mit ihren glorifizierten Biographiën starke Anreize zur Nacheiferung geschaffen. Von Musikern, Autoren und Filmregisseuren immer wieder aufgegriffen, hat sich durch all diese Erfolgsstories im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts eine Erwartungshaltung an die Geschichte aufgebaut, die dazu verleitet, auf die künftige Relevanz emanzipatorischer Bewegungen zu spekulieren:

Wenn ich meiner Zeit mit irgendwas voraus bin, wird die Nachwelt mich lieben und meinen Namen nie vergessen.

Die Geschichte wird anhand der Erfolge vergangener Bürgerrechtsbewegungen hochgerechnet: Demokratische Fortschritte von gestern bilden die Rückständigkeit von morgen. Mit ein bißchen Glück, ist man rechtzeitig auf die richtige Welle aufgesprungen und in der Zukunft ein Held.
Aufgrund dieser biographisch bedingten Avantgarde-Versessenheit suchen nun alle händeringend nach neuën Minderheiten, entrechteten Randgruppen und weiteren Mißständen, die sich zur historischen Profilierung eignen und damit dem eigenen Dasein Sinn verleihen.

Durch den existentiëllen Druck, mit dem eigenen Lebenslauf zum sozialen Fortschritt beitragen zu müssen, reicht es nun nicht mehr aus, sich in karitativen Organisationen oder gar kirchlich zu engagieren. Stattdessen geht es um einen Wettlauf um die letzten Ungerechtigkeiten.
Philanthropie is over: Es erscheint lohnender, sich für die Gleichstellung von Mensch und Tier, unberührte Natur, exzentrische Lebensstile oder für die Rechte künstlicher Intelligenz einzusetzen. Der jeweilige Mangel an gesellschaftlicher Akzeptanz definiert quasi die Attraktivität des jeweiligen Solidaritätsziels. Der spekulative Fortschritts-Märtyrer handelt also amoralisch, denn er läßt sich von einem opportunistischen Automatismus leiten: Alles was die Mehrheit ablehnt, muß verteidigt werden.

Ich komme somit zu dem Ergebnis, daß ein Teil des heutigen politischen Engagements hoffnungslos narzißtisch motiviert ist, also nicht echter Empathie oder aufrichtigem Altruïsmus entspringt. Die wahren Beweggründe liegen meilenweit entfernt von lobenswerter Menschenfreundlichkeit: Eigentlich träumt man nur davon, mit einem Radiohead-Song gewürdigt oder von Jim Jarmush verfilmt zu werden. Die Adelung des Lebenswerks durch dieselbe Popkultur, der man die sozialromantischen Tendenzen verdankt.
Statt die Not der Mitmenschen lindern zu wollen, interessieren sich die Akteure der hier dargestellten egomanen Protestkultur ausschließlich für das ethische Zitier-Potenzial ihrer Haltung, um später bescheinigt zu bekommen: Der hat´s schon immer gewußt!
Wichtiger als eine Verbesserung der Verhältnisse ist die eigene Mitwirkung.

Natürlich heißt das nicht, daß das Bemühen selbst profilneurotischster Aktivisten niemals etwas Gutes bewirken kann. Kritisch anzumerken bleibt jedoch, daß die obsessive Problemoriëntiertheit der spekulativen Fortschritts-Märtyrer nicht selten Pseudo-Mißstände identifiziert, zudem bisherige Errungenschaften völlig entwertet und die Gegenwart dazu verurteilt, für alle Ewigkeit ein lebensunwerter Ort zu sein. Vor lauter Progressivität kann Fortschritt nicht mehr erlebt werden.

Gleichzeitig macht der kollektive Weltretter-Anspruch die Normalität für den Einzelnen allmählich immer unerträglicher. Ein gewöhnliches Leben zu führen, bedeutet eine Katastrophe. Glück und Selbstwertgefühl können nicht mehr intrinsisch generiert werden. Beides ist nun abhängig vom Urteil der Geschichte, die scheinbar nur Avantgardisten belohnt. Allein durch die Hoffnung auf den posthumen Ruhm eines historischen Besserwissers läßt sich die eigene Durchschnittlichkeit aushalten.

Das Paradoxon, das sich hier abzeichnet, gibt Anlaß zur Sorge um die Zivilisation selbst: Die Welt stiftet nur noch als Problem Sinn, nicht als positive Vision und so legitimieren ausgerechnet philanthropische Motive einen grenzenlosen Haß auf die Menschheit.

Audienz beim Pop-Papst Diedrich Diederichsen

Gestern abend zur Audienz beim Pop-Papst Diedrich Diederichsen im Berliner Hebbel-Theater.
Mein Bruder Alexander musste fassungslos feststellen, daß Diederichsen ihm mit seinen besten Ideen zuvorgekommen ist und wird nun hoffentlich mit seinem eigenen Werk zur Pop-Musik endlich mal fertig werden.

Wild Nothing – Summer Holiday (September C90 1/03)

 


Video-Link:
http://vimeo.com/16344008

Soundcloud-Link: http://soundcloud.com/wildnothing/summer-holiday-1

Playlist der September-C90: http://cloudplaylists.com/popconservative/201109c90

Jugendjahre einer Oneironautin Kapitel 1.3: Elisabeth erwachte. Die milde kalifornische Septembersonne lachte ihr ins Gesicht. Sie schloß die Augen wieder und ließ sich vom Rauschen des Meeres treiben. Alles war perfekt! Der wilde blaue Pazifik, braun gebrannte Spätsommer-Surfer, die mit ihren Kapriolen die Beauties zum Lächeln und zum Staunen bringen, Beach-Volleyballturniere mit den besten Surfpop-Mixtapes aller Zeiten. Einmal im Monat trafen sich alle deutschen LA-Aupairs im Strandhaus von Charlottes steinreicher Gastfamilie in Santa Monica.

School of Seven Bells -Babelonia (September C90 1/02)

 


Video-Link:
http://www.youtube.com/watch?v=-8YtdplqbeI

Soundcloud-Link: http://soundcloud.com/vagrantrecords/babelonia

Jugendjahre einer Oneironautin Kapitel 1.2: Elisabeth ist eine genetische Oneironautin. Oneironauten sind Traumreisende, also Klarträumer, die sich während des Träumens ihres Träumens vollkommen bewußt sind. Luzides Träumen wird seit dem Ende der 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts von Esoterik und Wissenschaft erforscht. Im Internet wächst eine Community heran, die sich selber das Klarträumen beibringt und sich über ihre Erlebnisse austauscht. Elisabeth gehört nicht zu dieser Gruppe der pragmatischen LifeStile-Oneironauten. Elisabeth ist eine der letzen Nachkommen eines geistlichen Stammes der Klarträumer. Jahwe, der Gott Israels hatte diese Gabe vor tausenden von Jahren in seine Propheten gelegt, um seinem Volk Botschaften mitzuteilen (4. Mose 12,6: „Wenn ich Propheten zu euch sende, offenbare ich mich ihnen in Visionen und spreche zu ihnen in Träumen.“). Diese Gabe wurde auch genetisch von Generation zu Generation weitergegeben. Eine Gotteserfahrung machten dabei aber nur die Erwählten Jahwes. Die anderen nutzten sie im besten Falle im Traum für irgendwelche Quatschaktionen, wie Rumfliegen, durch Wände gehen oder Tierverwandlungen oder ähnlich dummes Zeug. Nicht wenige erlagen leider auch den Gefahren dieser Sphäre und kamen in den Bann von dämonischen Geistwesen, die in dieser Trance-Welt spielend leicht Zutritt zu der Seele der Menschen erhalten können.

NOMO & Shawn Lee – Upside Down (September C90 1/01)

 

Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=seNdA61f17Y
Soundcloud-Link: http://soundcloud.com/ubiquityrecords/nomo-and-shawn-lee-upside-down-7-inch-tour-exclusive

Jugendjahre einer Oneironautin Kapitel 1.1 Elisabeth träumt. Sie ist vollkommen schwerelos. Sie schwebt nachts über dem Wüstenboden … Der Mondschein streichelt ihr Gesicht. Stationen ihres Lebens ziehen an ihr vorbei. Die Berührungen von Mama, ihr weicher Teddy, Schaumschlachten mit ihrem kleinen Bruder. Das riesige Portal ihrer Schule öffnet sich und saugt sie in einem sanften Wirbelwind durch Klassenräume und ihre Lieblingsplätze auf dem ganzen Gelände. Gesichter ihrer Freundinnen tauchen auf … Gekicher … Gegurre. Eine Flotte von Lehrern schwebt ein und verschwindet wieder … Feierliche Stimmung in der Aula: Ausgabe der Abiturzeugnisse. Festliche Bilder von englischen Königshochzeiten mischen sich in die Szene. Elisabeth genießt es über allen Köpfen bis zum höchsten Punkt der Kathedrale zu schweben um den Kuß zu sehn. Ein Kuß von ihm – sie fühlt seine sanften Lippen. Es ist schön hier mit ihm auf dieser Waldlichtung … Sie hört Lärchen jubilieren, sie stehen am Himmel … weisse Wolken ziehen wie Zuckerwatte langsam in den blauen Himmel. Wie weich sie sich anfühlen … Unter ihr fliegen die Felder vorbei … Kleine Fachwerkdörfer, Sonntagsglocken läuten den Mittag ein. Plötzlich weiß Elisabeth, daß sie träumt. Sie träumt und weiß, daß sie träumt. Sie ist die Herrin ihres Traums und wird den Flug selber steuern. Sie wird der große Navigator sein, der Wolkenspringer. Siebenmeilensprünge schnellen aus ihren Lenden … Ihre Beine zucken … Sie fällt! … Plötzlich zerreisst das Bild und um sie herum herrscht Dunkelheit. Elisabeth ist wach.

2005/09/30 [taz.de] Ulf Poschard: Wir müssen reden

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2005/09/30/a0188

Ulf_Poschardt_Wir_muessen_redenDas war so ungefähr die pop-liberale Initialzündung für Deutschland. Kult-DJ und Elite-Redakteur Ulf Poschard wollte mit diesem Artikel nichts weniger, als eine ganze Generation von kulturlinks aufgewachsenen Zöglingen aus mehr oder weniger gutem Hause von ihrem ideologischen Neglect befreien. Er öffnete ihnen die Augen für ein neues aufregendes Universum in dem sie sich schon längst befanden ohne es zu merken. Das Universum des modernen bürgerlichen Milieus. Es geht darum, ehrlich zu sich selber und seinen eigenen Interessen zu sein, sich aus der kuscheligen, aber mittlerweile doch wirklich verlogenen Ecke des strukturkonservativen-Linken Gutmenschentums zu verabschieden …
„Wenn Diedrich Diederichsen, das (ganz großartige) Idol aller Denkfreudigen unter 50, den Erhalt der sozialen Sicherungssysteme als Kerninhalt einer Veranstaltung in der Volksbühne formuliert, verkümmert einst originelles Denken und betoniert Umverteilungsansprüche und Staatsseligkeit.“
–> Artikel lesen

 

Spex: Die Last der lebenden Legende

http://www.welt.de/print-wams/article131278/Die_Last_der_lebenden_Legende.html

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spex-Gruender-Gruppe-1980.jpg
Gruppe von Gründern der Zeitschrift Spex (Miki Synuga, Gerald Hündgen, Wolfgang Burat, Clara Drechsler, Christof Pracht, Bernhard Schaub, Peter Bömmels, Wilfried Rütten) [Datum: August 1980 / Quelle: Wolfgang Burat]
>>Wenn vor 25 Jahren in der Kölner Severinsmühlengasse nachts noch Licht brannte, dann saßen dort unterbezahlte Redakteure, die an Texten für die neue „Spex“ werkelten. Sie hatten keine andere Wahl. Schließlich wartete Deutschlands Musik-Boheme wie jeden Monat sehnsüchtig auf die neue Ausgabe ihrer Bibel, die ihnen Satz für Satz, Seite für Seite die Welt erklärte. Die Meinung der „Spex“-Redaktion war Gesetz, galt doch das Heft, das jetzt Jubiläum feiert, in den Achtzigern als die einzig lesbare Musikzeitschrift in deutscher Sprache.<<
[Quelle: Welt am Sonntag 21.08.2005]

Schöner Nachruf auf das „MusikMagazin“ Spex vom ehemaligen Chefredateuer Max Dax. Die „Spex“ war in den 80ern DIE popkulturelle Instition für jungen Menschen, welche sich mit viel Mühe und Fleiß und auf jedem nur denkbarem Gebiet vom Rest ihrer Generation abzugrenzen versuchten. Die Spex gab jeden Monat neuen Halt und Sebstbestätigung.
OK Salonmarxismus … R.I.P! :-))