Das Kopftuch

Es geht ja mittlerweile längst nicht mehr nur um Kopftücher. Selbst einer Muslima, die eine Baskenmütze aufsetzen wollte, wurde ihre Kopfbedeckung untersagt. Baskenmützen sind zwar streng genommen kein typisches Symbol des Islam, aber die Besitzerin trüge sie ständig, und daher sei sie Ausdruck ihrer Religion.

Ich mache mir jetzt ein wenig Sorgen, dass in irgend einer Religion möglicherweise das Tragen von Hosen für Männer vorgeschrieben ist. Ich trag eigentlich ständig eine und möchte das auch ganz gerne weiterhin tun…egal, bisher sind also nur Kopfbedeckungen für Frauen verboten, sofern sie „ständig“ getragen werden.

Das Ganze droht ernsthaft albern zu werden, was man merkt, wenn man nur die naheliegendsten Rückfragen an so eine Regelung stellt:

Wofür steht das Kopftuch eigentlich?
Steht es für den Islam? Dann kann man nicht mehr gegen das Tuch haben, als gegen die Religion, die es angeblich vertritt. Und vor dem Kopftuch hatte man faktisch kein größeres Problem mit religiösen Symbolen, auch wenn man jetzt versucht, den anderen Religionen aus dem Gebot der Fairness heraus auch irgend etwas zu verbieten.

Steht es für die „Unterdrückung der Frau“, handelt es sich nicht um ein religiöses Symbol, sondern bestenfalls um ein Symbol der Unterdrückung.
Ist das aber der Fall, ist es aberwitzig, ein Berufsverbot zu erteilen, denn unterdrückten Personen hilft man nicht, indem man ihnen auch noch den Gelderwerb versagt!
Es kann sich also nur um ein Symbol für die Unterordnung der Frau handeln – unabhängig davon, ob sie freiwillig oder unfreiwillig erfolgt.
In diesem Fall wird es aber zu einem staatlichen Vorgehen gegen die private Ethik seiner Bürger. Genaugenommen verbietet der Staat seinen Bürgern, die im Staatsdienst arbeiten, nach der eigenen Ethik zu leben, so dass es andere mitbekommen. Das bedeutet aber strenggenommen, keine stillen Gebete vor dem Kantinenessen, kein Rauchen (klar ist das eine ethische Entscheidung!), keine „Pace“-Aufkleber am Auto, mit dem man zum Dienst fährt und strenggenommen sollten sich Frauen auch nicht mit offenen Haaren sehen lassen, weil dies nicht weniger ein Symbol für die Freiheit der Frauen in westlichen Gesellschaften ist, als das Kopftuch für die Unterordnung in vielen anderen Kulturen (keineswegs nur islamische sondern auch christliche). Ich kannte einen Lehrer, der uns ausdrücklich auf darauf hinwies, dass er zu seinem Jacket eine Jeans trüge, die für ihn eine Reminiszens an seine 68er-Vergangenheit sei. So was geht natürlich gaaar nicht. Also wenn das mal kein Symbol einer Weltanschauung ist…

Kurz: Man kann dieses Verbot vernünftigerweise nicht aufrecht erhalten, und es gibt auch keinen Grund dazu: jeder kennt Lehrer aus seiner Schulzeit, die mehr oder weniger, bestimmte Weltanschauungen in den Unterricht gebracht haben. Na und? Die Buntheit eines Lehrerkollegiums sorgt möglicherweise mehr für die freie Entfaltung der Schüler, als die genormte Schein-Neutralität.

Ein Problem wird die Ethik nur dann, wenn die Berufsausübung behindert wird. Wenn also jemand im Kundenkontakt steht oder Schüler unterrichten soll, kann man nach meinem Rechtsempfinden verlangen, dass das Gesicht zu erkennen ist. Das spräche für ein Verbot von Vollschleiern an der Ladentheke und im Unterricht, möglicherweise auch für jede Form von Schleiern im Friseursalon. Hier sehe ich den einzigen Bereich, in dem möglicherweise ein Verbot aller Kopftücher zulässig sein könnte.

Renaissance und Reformation

In Geschichtsbüchern wird die Reformation in der Regel als Unterpunkt der Renaissance abgehandelt. Von dieser habe sie die Idee gehabt, zurück zu den Wurzeln zu gehen und, ja, irgendwie „individuell“ zu denken – was auch immer das heißen soll.

Tatsächlich waren sowohl Renaissance als auch die Reformation zwei Bewegungen, die das „Mittelalter“ (wie die Renaissance diese Zeit herablassend verunglimpfte) beenden wollten, dabei aber entgegengesetzte Wege beschritten.

Das Mittelalter zeichnete sich durch ein sehr philosophisches Christentum aus. Man schätzte durchaus antike Autoren, soweit sie dem Christentum nicht offensichtlich widersprachen und das ganze Denken war stark durchwebt von antik-heidnischem, volkstümlich-abergläubischen und christlich-biblischem Denken.

Die Renaissance wollte diesen Knoten zerschlagen, indem sie sich von christlichen Einflüssen befreite und die Antike wiederbelebte.
Die Reformation hingegen wollte genau zu den anderen Quellen zurück: der Bibel.
In der Öffentlichkeit weniger beachtet war die Hinwendung zum volkstümlichen Aberglauben (ich habe in manchen Beiträgen schon darauf hingewiesen), weil sie die Geistesgeschichte nicht so sehr beeinflusste, sondern bestenfalls in den Hexenverfolgungen mal unübersehbar wurde. Diese Bewegung scheint erst jetzt in unseren Tagen ernsthafte Verbreitung zu finden, und sie zeigt sich in der Hinwendung nicht zu den antiken Wurzeln unserer Kultur sondern zu ihren vorchristlichen, „natürlichen“.

Die Renaissance verändert nicht nur die Kultur (Architektur, Malerei, Literatur), sie schuf auch eine neue Wahrnehmung der Welt, insbesondere die Schönheit von Landschaften. Menschen wurden jetzt realistischer gemalt und nicht mehr als steife, flächige Geistwesen. Aber es entstand auch eine Eitelkeit, die vorher verpönt gewesen wäre, und es bildete sich der Spott als öffentliches Mittel der legitimen Demütigung heraus. Burckhard (Autor des Klassikers „Kultur der Renaissance“) hält beides für die notwendige Begleiterscheinung des vermeintlich erwachenden „Individualismus“. Auf jeden Fall war es eine Begleiterscheinung der Abwendung vom Christentum, denn individuelle Sorgen und Wünschen gab es auch vorher. Individualismus kann nicht viel mehr bedeuten als die Abkehr von Gott.
Aber was die Renaissance nicht hervor gebracht hat – auch wenn immer wieder das Gegenteil zumindest angedeutet wird – war die Wissenschaft. Wie sollte sie auch, wo doch die Antike selbst keine Naturwissenschaft hervorgebracht hatte?

Die entstand erst durch die Reformation. Durch sie wurde ein neuer Blick auf die Natur geboren, der nicht mehr nur von ästhetischen Interessen geleitet war, sondern in der Natur die Weisheit Gottes sah und suchte. Hier lag die Entstehung nicht nur der Wissenschaft, das wäre viel zu dürr formuliert, es war eine regelrechte Naturbegeisterung, wie man sie sonst in ganz wenigen Kulturen findet (Humboldt nennt als ein weiteres Beispiel interessanterweise noch manche „hebräischen“ Psalmen als Zeichen für Naturbegeisterung).
Und erst jetzt entstand eine Bewegung, die alle Bevölkerungsschichten erfasst, im Gegensatz zur Renaissance, die immer ein Hobby der Elite blieb. Leider hat Luther im Bauernaufstand dann der Mut verlassen, und er erkannte selbst nicht das revolutionäre Potential, das in seiner Entdeckung lag. Aber es wäre wohl auch übertrieben, die Reformation auf das Wirken Luthers zu beschränken.

[Die Welt] Das ewig Konservative

In der Welt am Sonntag vom 31.07.05 beschwert sich Till-R. Stoldt über die anscheinend vollkommen widerstandslose Übernahme des Konservativismus durch den liberalen Zeitgeist und ganz konkret über die Reduktion auf eine liberale Wirtschaftspolitik. Er zitiert einige aktuelle Verlautbarungen konservativer Gallionsfiguren, die beispielsweise fordern, konservative Forschungspolitik bedeute, „die Union müsse sich der embryonalen Stammzellforschung öffnen“.
Dem hält er das konservative Credo entgegen: „Menschen sind fehlbare Mängelwesen, ihre Mündigkeit ist schnell überfordert und ihre Freiheit genauso Verführung wie Chance – weshalb sie begrenzt und eingehegt werden muß. Dieser Grundgedanke durchzieht das konservative Denken Europas vom Fürsten Metternich bis zu Benedikt XVI.“
„[Die Welt] Das ewig Konservative“ weiterlesen