8 Gründe gegen staatliche Kinderbetreuung für alle – Oder: Alle wollen nur das Wohl des Kindes

Immerhin darauf können sich alle Parteien einigen. Feministinnen befürworten die Einführung von flächendeckenden kostenlosen Krippenplätzen ja nicht, weil sie bereit sind, das Wohl ihres Kindes ihrem Egoismus zu opfern, sondern weil es so auch für das Kind besser ist. Schließlich seien die Kinder dort professionell versorgt.

Nehmen wir für einen Moment mal an, dies wäre eine blanke und leichtdurchsichtige Lüge. Wie könnte die Öffentlichkeit davon erfahren?
Jeder Mann, der so etwas anspricht, gilt apriori als Macho. Jede Frau, die darauf hinweist, ist mit großer Wahrscheinlichkeit Politikerin oder Journalistin und hat sich bereits für einen Job entschieden, in dem sie ganz gefordert wird. Sie kann also nur das feministische Modell vertreten oder sie macht sich extrem lächerlich.

Unter diesen Bedingungen sind Umfragen natürlich ein schwaches Instrument, denn wo es niemanden gibt, der sie öffentlich zitiert, bleiben sie wirkungslos. Die Welt hat mal auf eine Umfrage verwiesen, derzufolge der tatsächliche Bedarf an Kinderbetreuung erheblich unter dem von der Bundesregierung angestrebten Betreuungsplan liegt, aber seitdem habe ich von dieser Umfrage nicht mehr viel gehört. Scheint uninteressant zu sein.
Und das ist schade, denn außer den Umfragen spricht auch sonst einiges für die Unterstützung einer familiären Erziehung:

1. Der wichtigste Teil jeder Erziehung ist der religiöse oder weltanschauliche. Und ein neutraler Staat muss seine Neutralität, wenn er sie denn ernst meint, gerade darin zeigen, dass er den Eltern genug Freiräume zugesteht, ihren Kindern diese Religion zu vermitteln. Die Neutralität des Staates gebietet hier Zurückhaltung.

2. Nach Art. 6 unseres Grundgesetzes sind „Pflege und Erziehung der Kinder“ das „natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“
Dieser Artikel ist Teil der Grundrechte, die den Bürger vor den Zugriffen des Staates schützen sollen. Dass der Staat kein eigenes Interesse an diesen Rechten besitzt, ist leider nur natürlich, dass Journalistinnen hierin ebenfalls kein schützenswertes Recht sehen, leider ebenfalls.
Der Staat kann also nicht einfach hingehen und sagen „ich kann das besser“ und die Kinder selbst betreuen. Ein Recht zum Eingriff besteht nur, „wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen“. Selbst wenn der Staat die Erziehung eines Kindes also tatsächlich besser leisten könnte, wäre er dazu nicht berechtigt, solange die genannten Gründe nicht vorliegen. Die Erziehung ist ein natürliches Recht, und daher stellt sich nach unserem GG die Frage gar nicht, ob jemand außer den Eltern sie besser übernehmen könnte. Hier müssen Eltern für ihr Recht leider gegen die synchronisierte Gewalt von Politik und Medien zu Felde ziehen.

3. Das man sich überhaupt für sein natürliches Recht der „Pflege und Erziehung“ der eigenen Kinder entscheiden kann, ist nicht zuletzt eine finanzielle Frage. Wenn ein Einkommen nicht ausreicht, kann eine Mutter gezwungen sein, zu arbeiten, um überhaupt leben zu können. Das liegt daran, dass zwei Einkommen auch dann mehr Geld einbringen, wenn man höhere Kosten durch die Fremdbetreuung der Kinder hat.
Um die Entscheidungsfreiheit auch für sozial schwache Familien zu gewährleisten, ist ein Betreuungszuschuss (oder wie man es auch immer nennen will) sehr sinnvoll und scheint mir ganz dem Geist des GGs zu entsprechen. Denn ohne eine finanzielle Unterstützung und Anerkennung der Erziehungsarbeit durch die Eltern, müssen Eltern faktisch eine Erziehungssteuer bezahlen. Denn kostenlos ist das Krippenangebot des Staates natürlich nicht, sondern es wird durch die Abgaben der Bürgerinnen und Bürger getragen – ob sie es in Anspruch nehmen oder nicht. Und das widerspräche eindeutig der Vorgabe des GGs.
Es geht hierbei nur um die Wahrnehmung eines Rechtes der Eltern, nicht um die Frage, wie man arme Kinder bestmöglich fördern kann, darum geht es im nächsten Punkt.

4. Denn es wird nun eingewandt, dass die Betreuungsprämie ja im Haushalt der Eltern untergehen könnte, während sie doch sinnvoller für die Fremdbetreuung der Kinder eingesetzt werden könnte. Was für eine Heuchelei:
Bei dem Geld, dass die doppelverdienenden Eltern durch die staatlich finanzierten Krippen sparen, fragt auch niemand, ob die Kinder einen zusätzlichen Nutzen davon haben. Der scheint gegeben zu sein, sobald die Kinder nicht mehr bei ihren Eltern sind.
Wenn man Kinder wirklich fördern möchte, dann sollte man ihnen staatlich finanzierte Sprachkurse, Hausaufgabenbetreuungen, Sportvereine und gezielt Unterrichtsstunden für sozial benachteiligte Schüler anbieten, in denen an Wortschatz und Gesprächs- und Diskussionsverhalten gearbeitet wird. Darüber hinaus hat sicher auch niemand etwas gegen einen Ausbau hochwertiger kostenloser Freizeitangebote. Von der Unterstützung gerade sozial schwacher Familien durch solche Angebote halte ich übrigens sehr viel! Finanzieren kann man sie ja durch das Geld, das man für den Ausbau der staatlichen Krippen ja offensichtlich im großen Stil zur Verfügung hat.
Mit einer Fremdbetreuung allein ist diesen Kindern überhaupt nicht geholfen. Aber möglicherweise geht es darum auch gar nicht, sondern nur um die Durchsetzung eines bestimmten Lebensstils.

5. Erziehung gibt es nur dort, wo es Strafen gibt, die glaubhaft zum Wohl des Kindes eingesetzt werden und nicht dem Arbeitsklima eines Erziehers dienen. Ich bin überzeugt davon, dass ein Kind ganz genau weiß, ob es bestraft wird, damit der Lehrer Ruhe in der Klasse hat, oder weil jemand an der persönlichen Entwicklung dieses Kindes ein liebevolles Interesse besitzt.

6. Wer die professionelle Pädagogik der elterlichen vorzieht, engt den Erziehungsbegriff ein. Zur Erziehung gehört neben kognitivem Wissen und guten Umgangsformen auch die Erfahrung, einen Vater und eine Mutter zu haben. Nicht zuletzt, um selbst einmal ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein – warum soll man nicht auch aus den Fehlern der Eltern lernen können?

7. Eine staatliche Kinderbetreuung wird immer mit drei grundsätzlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben: Sie wird immer nur wenige Betreuer pro Kind bereit stellen können und niemals an ein familienähnliches Zahlenverhältnis heranreichen. Zweitens fehlt den staatlichen Erziehern das angeborene Interesse an den Kindern, das sogar bei Eltern vorkommt, die an sich weder besonders kinderlieb oder sympathisch sind. Drittens werden die Erzieher unterdurchschnittlich qualifiziert sein und damit das Niveau der durchschnittlichen Erziehung und Prägung immer unterbieten.

Denn es glaubt ja niemand im Ernst, dass der Staat für jedes zweite Kind eine akademische Fachkraft bereitstellen kann, die nett, kinderlieb und engagiert ist – und nicht pädophil…

8. Die staatliche Kinderbetreuung steht immer in engem Kontakt zur Wissenschaft. Das klingt zunächst gut und passt zum Argument der Professionalität, aber wer sich die Geschichte der Pädagogik ansieht, sieht schnell, dass hier Vorsicht geboten ist. Denn viele Konzepte der Pädagogik, die ihrerzeit als Durchbruch der Aufklärung gefeiert wurden, muten heute befremdlich bis grausam an (z.B. als Kinder wie Skinnerboxen behandelt wurden und schlichtweg dressiert wurden).
Eltern würden ihre Kinder nur selten nach wissenschaftlichen Moden erziehen und halten sich zäh an die Form der Erziehung, die sie selbst kennen gelernt haben, bis sich vielleicht manche Überzeugungen nach und nach durchsetzen, weil sie eben doch kleine Durchbrüche darstellen. Aber das braucht Zeit, und der Puffer, den die Eltern hier zwischenschieben (aus purer Zähigkeit) hat sicher manches Kind bewahrt.
Staatliche Erzieher haben diese Hemmungen nicht und stehen außerdem noch mehr in der Öffentlichkeit, so dass sie sich sogar eher verpflichtet fühlen, Moden der Pädagogik mitzumachen. Ein Erzieher wird es sich nicht leisten können, unter Kollegen und Eltern als rückständig zu gelten. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass dieser Umstand in der Wissenschaft wiederum ausgenützt wird, um gezielt pädagogische Konzepte an Kindern systematisch auszuprobieren! Dafür bietet ein staatliches und schichtenübergreifendes Betreuungssystem leider die besten Voraussetzungen.

Die Geschichte einer misslungenen Kastration

Am 22.81956 wurde Bruce Reimer und sein eineiiger Zwillingsbruder Brian im kanadischen Winnipeg geboren. Bei seiner Beschneidung wurde sein Glied so stark verletzt, dass es schwarz wurde und bald vollständig abfiel.
Nun entspricht es der gegenwärtigen political correctness, über den Verlust eines Penis zu schmunzeln, während man über den Verlust einer Brust niemals schmunzeln dürfte, aber für die Eltern war das Schicksal ihres Sohnes ein schmerzhaftes Erlebnis.

Im Februar 1967 sahen die beiden den Psychiater John Money im Fernsehen. Money behauptete in der Sendung, man könne aus Männern ohne weiteres Frauen machen. Die Eheleute Reimer glaubten, die Lösung für ihre Probleme gefunden zu haben: der Junge wird einfach eine Frau! Sie schrieben Herrn Money an, und erhielten umgehend Antwort. Was sie nicht ahnten war, dass Money seine Theorie mit schönen Worten und noch schöneren Transsexuellen unterhaltsam verbreiten, aber nicht mit einer einzigen Untersuchung belegen konnte. Denn Kritiker wiesen darauf hin, dass er bislang nur Geschlechtsumwandlungen an sexuell gestörten Menschen wie Trans- oder Intersexuellen durchgeführt habe, nie aber an einem gesunden normalen Jungen. Und eben hierfür erschien das Experiment „Bruce Reimer“ mit seinem Zwillingsbruder als Kontrollgruppe gerade recht. Volker Zastrow weist in seinem Buch „Gender – Politische Geschlechtsumwandlung“ darauf hin, dass die Begriffe „gender identity“, „gender role“ von John Money geprägt wurden. Er sei der einflussreichste wissenschaftliche Wegbereiter der Gender-Theorie, der zufolge das soziale Geschlecht (gender) bis zur vollständigen „Diskordanz“ abweichen kann: dass man also erfolgreich einen Jungen zu einer Frau oder ein Mädchen zu einem Mann erziehen könne.
Das Experiment wurde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und aus naheliegenden Gründen von Homosexuellen und Feministinnen begierig aufgegriffen. Alice Schwarzer lobte Money als „Ausnahmewissenschaftler“. Aber wie verlief das Zwillingsexperiment überhaupt?

Zunächst einmal begann es damit, dass dem 22 Monate alten Bruce die Hodensäcke entfernt und aus der Haut des Hodensacks rudimentäre Schamlippen geformt wurden. Für die beiden Jungs gehörten Ärzte und Therapeuten ab jetzt zum Alltag. Die Eltern und Verwandten erhielten strenge Anweisungen, Bruce und auch sonst niemanden über dessen wahres Geschlecht zu informieren und ihn konsequent als Mädchen zu behandeln. Aus „Bruce“ wurde „Brenda“. Doch obwohl die beiden Zwillinge ausgesprochen zarte und niedliche Gesichter besessen haben sollen, blieb „Brendas“ Verhalten jungenhaft: Er wollte lieber mit dem Spielzeug seines Bruders spielen als mit den Puppen, dem Schmuck und den Kleidern, die man ihm anbot. Er tobte, raufte und interessierte sich für Autos und Waffen. Money bewertete das Verhalten als „Wildfang“-Verhalten, wie es auch sonst bei Mädchen hin und wieder vorkäme. Aber sein Verhalten wurde immer auffälliger: er konnte nur durch besondere Gutachten in die Schule aufgenommen werden, konnte sich nicht integrieren noch die geforderten Leistungen bringen – im Gegensatz zu seinem eineiigen Bruder!
Ab seinem elften Lebensjahr quälte „Brenda“ sich mit Selbstmordgedanken. Aber „alle Anzeichen von Verwirrung und schließlich Verzweiflung, die das Kind zeigte, wurden von seinen Betreuungspersonen beiseite geschoben, uminterpretiert oder geleugnet.“
Für „Brenda“ waren die Besuche bei John Money – wie er später berichtete – „eine unerträgliche Qual“. Aber so sehr er sich schon als Vierjähriger dagegen sträubte, gegen seine Eltern konnte er sich nicht durchsetzen. In Zukunftsträumen beschrieb er sich als Mann mit Schnurrbart in einem Sportwagen. Mit beginnender Pubertät diagnostizierte Money bei Brenda eine „lesbische Veranlagung“, weil er sich von Mädchen angezogen fühlte.
Als Jugendlicher bekam „Brenda“ weibliche Hormone verabreicht, um den körperlichen Umbau der Pubertät einzuleiten. Zur Überraschung der Ärzte durchlief er aber dennoch den Stimmbruch, blieb allerdings kleiner als sein Bruder. Den nun anstehenden zahlreichen Operationen widersetzte sich „Brenda“ – jetzt 13 Jahre alt – so heftig, dass er nicht mehr zu den Arztbesuchen in Baltimore überredet werden konnte.
Erst jetzt sagten die Eltern ihren Söhnen die ganze Wahrheit, und „Brenda“ beschrieb seine Empfindung: „Ich war erleichtert. Plötzlich verstand ich, warum ich mich so fühlte, wie ich mich fühlte. Ich war kein komischer Kauz. Ich war nicht verrückt.“
Ab sofort wollte er als Junge leben, nannte sich „David“ (weil er gegen eine Übermacht gekämpft und gewonnen hat) und schluckte nun männliche Hormone. Später ließ er soweit wie möglich sein Genital operativ wieder herstellen und heiratete schließlich sogar.
Aber im Frühjahr 2004 erschoss sich David Reimer mit einer Schrotflinte; sein Bruder Brian nahm sich im Jahr zuvor mit Tabletten das Leben.

Nach 1980 verwendete Money den Fall Reimer nicht mehr in seinen Veröffentlichungen, blieb aber weiter bei seiner Behauptung. Aus feministischen Schriften wurde der Fall in den folgenden Jahren stillschweigend gestrichen – nicht jedoch die Theorie.

Dabei gab es gewichtige Entdeckungen im Bereich der Hirnforschung, welche die Vorstellung eines rein sozialen Geschlechtes widerlegten.

Money ordnete die mit Beginn des neuen Jahrtausends nach dem Bekanntwerden von David Reimers wirklichem Schicksal aufbrandende Kritik an seiner Arbeit und die verändete Haltung der Presse als „Bestandteil der antifemisnistischen Bewegung“ ein. Seine Gender-Theorie ist aus der nationalen und Internationalen Politik nicht mehr wegzudenken und bildet noch heute die Grundlage von Quotenregelung und Familienpolitik.

Literaturhinweis:

www.amazon.de/Gender-Politische-Geschlechtsumwandlung-Volker-Zastrow/dp/3937801138/ref=sr_1_1/302-4179261-5541620?ie=UTF8&s=books&qid=1188297704&sr=1-1

Folgen des Geburtenrückgangs: Evangelikale Revolution oder NeoFeministische Menschenparks?

Einer der besten Artikel zum Thema Geburtenrückgang den ich dieses Jahr gelesen habe erschien am 11.03.2005 in der FAZ und stammt aus der Feder des renomierten Sozialwissenschaftlers Stanley Kurtz von der Universität Stanford. Es geht schlicht und ergreifend um Hypothesen über gesellschaftliche Megatrends, die aus dem ständigen Geburtenrückgang in den klassischen Industrienationen ableiten lassen. Ein Megatrend lautet: Grossflächiges Wiedererwachen des christlichen Glaubens ein anderer Megatrend lautet Neue Allianz zwischen Feminismus und Gentechnik mit der Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter. Dieser Artikel ist eine echte Anregung zum Nachdenken!
Mit freundlichen Grüssen
wanderprediger

>>Demographie und Krieg der Kulturen
Werden die Uhren der Moderne zurückgedreht ? Der weltweite Bevölkerungsrückgang könnte zu einer Renaissance des Konservativismus führen /Von Stanley Kurtz
Die sich dramatisch verändernde demographische Lage ist in ihren kulturellen Auswirkungen noch nicht erfaßt worden . Sie wird einerseits zu einer Neubewertung des Alters führen , andererseits aber aus schierer ökonomischer Notwendigkeit eine neue Sicht auf Familie und Elternschaft erzwingen . Der Sozialwissenschaftler Stanley Kurtz , der an der Hoover Institution der Universität Stanford arbeitet , entwirft verschiedene Szenarien für die künftige Entwicklung# : Es könnte zu einer weltweiten Renaissance traditioneller Werte des Familienlebens kommen und damit auch zu einer Rücknahme emanzipatorischer Errungenschaften der Moderne . Angesichts der wachsenden technischen Möglichkeiten künstlicher Reproduktion ist aber auch denkbar , daß uns Veränderungen bevorstehen , die wir bislang nur aus Science-fiction kannten : Gerade Feministinnen könnten zu Befürwortern einer künstlichen Züchtung von Kindern werden , um die Frauen vom Zwang zur Reproduktion zu entlasten .

Der langsame, anscheinend unaufhaltsame Zerfall traditioneller sozialer Strukturen, und ganz besonders der Familie, ist eine Entwicklung, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben, die aber auf einen grundlegenden Widerspruch in der modernen Gesellschaft verweist. In den industrialisierten Ländern sinkt die Geburtenrate seit mehr als dreißig Jahren, und die Auswirkungen zeichnen sich erst jetzt allmählich ab. Bevölkerungswachstum stimuliert die Wirtschaft, trägt den Wohlfahrtsstaat und prägt die moderne Kultur. Ein Bevölkerungsrückgang könnte die Dynamik der Modernisierung sehr wohl in Frage stellen.
Werfen wir zunächst einen Blick auf die demographischen Verhältnisse. Seit 1972 sind die Geburtenziffern weltweit um die Hälfte zurückgegangen. Damit die Bevölkerungszahl einer modernen Nation auf dem gleichen Stand bleibt, muß jede Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 2,1 Kinder zur Welt bringen. Keine einzige industrialisierte Nation weist eine Geburtenrate von 2 ,1 auf – in den meisten Ländern liegt diese Zahl deutlich darunter. Aufgrund dieses Bevölkerungsrückgangs werden die Gesellschaften überall in beispielloser Weise altern. Auch die gestiegene Lebenswartung trägt zu einer Überalterung der Weltbevölkerung bei. 1900 betrug die Lebenserwartung in Amerika 47 Jahre, heute sind es 76 Jahre. Im Jahr 2050 wird jeder fünfte Amerikaner über 65 Jahre alt sein, die amerikanische Bevölkerung wird deutlich älter sein als die heutige Bevölkerung Floridas. So bemerkenswert diese demographischen Zahlen auch sein mögen, für Italien oder Japan sehen die Prognosen noch ungünstiger aus. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 42 Prozent aller Italiener und Japaner 60 Jahre oder älter sein.
Kurzum, der Westen verzeichnet deutliche demographische Veränderungen – mit tiefgreifenden kulturellen Konsequenzen. In früheren Zeiten waren alte Menschen immer nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, die Hauptsorge galt dem Nachwuchs. Nun werden die Kinder eine kleine Minderheit sein, und die Versorgung der Alten wird im Vordergrund stehen – immer unterstellt, daß Gesellschaften, in denen die Alten einen Anteil von zwanzig, dreißig, ja vierzig Prozent und mehr ausmachen, überlebensfähig sind. Doch das ist keineswegs klar.
Bei einem Bevölkerungsrückgang verringert sich auch der Anteil potentieller Mütter in jeder Generation. Doch selbst, wenn irgendwann eine Frauengeneration herangewachsen ist, deren Geburtenziffer über derjenigen ihrer Mütter liegt, wäre die Dynamik des Bevölkerungsrückgangs nicht sofort aufgehoben. Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen würden das verhindern. Zur Versorgung der wachsenden Zahl alter Menschen müßten die Berufstätigen immer höhere Steuern zahlen. Diese jungen Leute könnten sich also noch weniger Kinder leisten als heute, die künftigen Generationen würden noch weiter schrumpfen.
Wenn die Geburtenraten weltweit das Niveau erreichen, das heute in den entwickelten Ländern üblich ist (und das scheint tatsächlich der Trend zu sein), könnte es sein, daß in wenigen Jahrhunderten auf der ganzen Welt weniger Menschen leben als heute in Amerika. Natürlich ist nicht zu erwarten, daß die Menschheit sich nicht mehr fortpflanzen und irgendwann nicht mehr existieren wird. Entscheidend ist jedoch, daß diese Entwicklung sich nur dann umkehren läßt, wenn es zu einer deutlichen Steigerung der Geburtenziffern kommt. Und jeder Ansatz dazu wird tiefgreifende kulturelle Veränderungen notwendig machen.
Warum führt das moderne Leben zu niedrigen Geburtenziffern und all diesen Konsequenzen? Ein Faktor ist die Urbanisierung. In traditionellen bäuerlichen Gesellschaften werden Kinder schon früh zur Arbeit herangezogen. Sie erben Land, dessen Ertrag in die Versorgung der Eltern fließt. In modernen urbanen Gesellschaften bedeuten Kinder dagegen enorme Kosten, die den Eltern immer seltener in Form von Vermögen oder Altersversorgung zurückerstattet werden. In einer wachstumsorientierten Konsumgesellschaft haben potentielle Eltern die Möglichkeit, sich für Kinder oder aber für mehr Konsumgüter und Dienstleistungen für sich selbst zu entscheiden.
Ein zweiter Faktor ist die Berufstätigkeit von Frauen, die durch den technologischen Wandel begünstigt wird. In einer modernen, wissenorientierten Wirtschaft sind Frauen nicht mehr körperlich benachteiligt. Ihre Arbeitsfähigkeit hängt von der Verfügbarkeit moderner Verhütungsmittel ab, die (neben Abtreibungen) eine effektive Geburtenregelung ermöglichen. Das ganze Ausmaß der weltweit rapide sinkenden Geburtenziffern impliziert, daß Empfängnisverhütung eine notwendige Voraussetzung dieses Wandels ist. Bevor die Fruchtbarkeit durch medizinische Methoden zuverlässig gesteuert werden konnte, waren Ehe und soziale Stigmatisierung außerehelicher Geburten die wichtigsten Instrumente, mit denen eine Gesellschaft die Geburtenziffer regelte. Wirtschaftlicher Niedergang bedeutete späte Heirat und damit sinkende Fruchtbarkeit. Doch mit modernen Verhütungsmitteln kann die Fruchtbarkeit auch in der Ehe gezielt geregelt werden. Mutterschaft wird zu einer Frage der bewußten Entscheidung. Daß dann auch weniger Kinder geboren werden, zeigt die demographische Entwicklung deutlich.

Empfängnisverhütung, Abtreibung und die Berufstätigkeit von Frauen, aber auch die Abwanderung von Landbewohnern in die Städte haben zu den tiefgreifenden kulturellen Veränderungen in der postmodernen Welt geführt. Säkularismus , Individualismus und Feminismus sind Bestandteile eines sozialen Systems , das sinkende Geburtenziffern begünstigt# . Wenn die Welt angesichts dieses Bevölkerungsrückgangs nicht überlebensfähig ist , dann mögen diese kulturellen Trends ebensowenig überlebensfähig sein . Anders gesagt , wenn wir diese kulturellen Trends nicht modifizieren oder ausgleichen können , wird die Weltbevölkerung immer rascher abnehmen .
Mit den neuen demographischen Verhältnisse und deren sozialen Auswirkungen hat sich besonders Ben Wattenberg in seiner neuen Studie „Fever. How the New Demography of Depopulation Will Shape our Future“ beschäftigt. Schon 1987 schrieb Wattenberg „The Birth Death“. Es war die erste öffentliche Warnung vor einem Bevölkerungsrückgang. Doch viele nahmen Wattenbergs Botschaft nicht ernst. In einer Zeit, in der man wie selbstverständlich von einer „Bevölkerungsexplosion“ ausging, widersprachen die Aussagen des Autors allen landläufigen Auffassungen. Doch die Entwicklung hat ihm recht gegeben. Doch während Wattenberg damals noch für eine aggressive Geburtenförderung plädierte, scheint er heute kaum noch die Hoffnung zu haben, daß eine deutliche Steigerung der Geburtenrate möglich ist. Einerseits hält er es für unwahrscheinlich, daß die Weltbevölkerung einer endlosen Schrumpfung unterliegen könnte, andererseits sieht er nicht, wie eine Umkehr dieses Trends zu erreichen wäre.
Eine andere Ansicht vertritt Phillip Longman in „The Empty Cradle. How Falling Birthrates Threaten World Properity and What to Do About It“. Er glaubt, daß der Bevölkerungsrückgang aufgehalten werden kann, weiß aber, daß dafür ein grundlegender kultureller Wandel notwendig ist. Die kommende demographische Krise wird zahlreiche postmoderne Ideologien in Frage stellen . Longman ist ein säkularer Liberaler, der nach Wegen sucht, wie die Bevölkerungszahl stabilisiert werden kann, auch ohne Rückgriff auf religiöse Traditionen, die, wie er befürchtet, im Gefolge der demographischen Entwicklung wiederbelebt werden könnten.
Longman ist klar, daß die Abwärtsbewegung nicht ohne größere soziale Transformationen umgekehrt werden kann. Er zieht Parallelen zum Viktorianischen Zeitalter und anderen Epochen, in denen die Sorge vor einem Bevölkerungsrückgang, vor Dekadenz und sich auflösender sozialer Sicherheit den Familienzusammenhalt stärkte und Abtreibung und Empfängnisverhütung stigmatisiert wurden. Er weist auch darauf hin, daß die Bewegungen der sechziger Jahre (Frauenbewegung, Umweltschutz und sexuelle Revolution) durch die Sorge vor einer Bevölkerungsexplosion gestützt wurden. Wenn feststeht, daß unser wahres Problem der Bevölkerungsrückgang ist, könnte das diese Bewegungen und Haltungen schwächen. Longman befürchtet daher vor allem eine Wiederkehr des Fundamentalismus, den er grob definiert als Bewegung, die auf überkommene (religiöse und nichtreligiöse) Mythen und Legenden zurückgreift, „um moderne, liberale und kommerzielle Werte zu bekämpfen“. Anders als säkulare Modernisten haben religiöse Traditionalisten meist (relativ) große Familien. Longman befürchtet , daß der Anteil der westlichen säkularen Liberalen in der Welt mit der Zeit abnehmen wird und die Traditionalisten überall die Oberhand gewinnen . In gewissen Punkten muten seine Überlegungen aber sonderbar und übertrieben an. So wirft er amerikanische Evangelisten als vermeintliche Modernisierungsgegner in einen Topf mit Nazis, Rassisten und Islamisten. Das ist aufschlußreich als Ausdruck liberaler Voreingenommenheit, weniger ein ausgewogenes Urteil über das Verhältnis zwischen Christentum und Moderne. Und die bloße Tatsache, daß religiöse Konservative mehr Kinder haben als säkulare Liberale, bietet noch lange nicht die Gewähr, daß diese Kinder nicht von der säkularen Kultur berührt werden.
Dennoch weist Longman zu Recht darauf hin , daß der Bevölkerungsrückgang ohne tiefgreifenden kulturellen Wandel nicht aufgehalten werden kann und daß durchaus mit einer religiösen Neuorientierung zu rechnen ist . In einer Zukunft , in der sehr vielen alten Menschen relativ wenige junge Berufstätige gegenüberstehen , die mit hohen Steuern belastet sind , könnten die wichtigsten Errungenschaften postmoderner Gesellschaften in Frage gestellt werden . Manche Leute werden natürlich von einem religiösen Standpunkt aus sagen , die Menschheit habe gegen das göttliche Gebot verstoßen , fruchtbar zu sein und sich zu vermehren , und müsse nun die Konsequenzen tragen .
Aber auch ohne Katastrophenszenarien ist deutlich zu erkennen, daß das gegenwärtige demographische Dilemma zu tiefgreifenden kulturellen Veränderungen führen wird. Angenommen, im Gefolge der kommenden ökonomischen und demographischen Schwierigkeiten wird ein seriöses Geburtenförderungsprogramm, wie Longman es vorschlägt, mit Erfolg durchgeführt. Das Ergebnis müßte nicht unbedingt „Fundamentalismus“ sein, aber höchstwahrscheinlich würde es doch zu einer konservativeren Atmosphäre kommen. Prognosen einer künftigen Vorrangstellung der Demokratischen Partei gründen auf der zunehmenden demographischen Bedeutung alleinstehender Frauen. Durch späte Heiraten sinkt die Geburtenziffer, und die Gesellschaft bewegt sich nach links. Wenn man diesen Trend durch Förderung von Ehe und Elternschaft umkehrt, wird das Land eher konservativ – ob im religiösen oder nichtreligiösen Sinne.
Aber können die Motoren der Postmoderne tatsächlich auf Rückwärtsgang geschaltet werden? Immerhin bekommen die Leute nicht deswegen Kinder, weil sie glauben, daß dies der Gesellschaft nützt. Ihre Entscheidung gründet auf persönlichen Wünschen und Interessen. Werden Frauen irgendwann nicht mehr berufstätig sein wollen? Ist eine deutlich erschwerte Geburtenregelung vorstellbar? So kritisch der Bevölkerungsrückgang auch sein mag, es sieht wirklich nicht danach aus, als würden die westlichen Länder den Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln erheblich einschränken.

Vergessen wir aber nicht, daß die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, irgendwann vermutlich in einer deutlich veränderten sozialen Atmosphäre getroffen wird. In traditionellen Gesellschaften haben Kinder einen hohen Stellenwert, weil sie für die Alten sorgen. In der entwickelten Welt gründet die Altersversorgung im wesentlichen auf eigenen Ersparnissen und den Leistungen des Wohlfahrtsstaates. Aber was, wenn Wirtschaft und Wohlfahrtsstaat deutlich schrumpfen? Möglicherweise werden die Menschen wieder an die Familie als Altersversorgung zurückdenken – und es könnte wieder notwendig sein, mehr Kinder in die Welt zu setzen.

Andererseits könnten wir auf die Probleme einer rasch alternden Gesellschaft mit einer Kombination aus Produktivitätssteigerung, Sozialreformen und späterem Rentenbeginn reagieren. In diesem Fall würden die Geburtenziffern weiterhin sinken, und die Weltbevölkerung würde dementsprechend abnehmen. Das Endergebnis wäre Krise oder Wandel oder lediglich ein substantieller Rückgang der Weltbevölkerung mir kaum prognostizierbaren geostrategische Auswirkungen. So oder so scheint uns ein Wandel unserer sozialen Ordnung bevorzustehen.
Die sich abzeichnende Bevölkerungsimplosion könnte demnach auch als Antwort auf Francis Fukuyamas Thesen gesehen werden. Wie Fukuyama in „Our Posthuman Future“(2002) selbst erkannte, kollidiert ein mögliches „Ende der Geschichte“ vor allem mit der Aussicht, daß die Biotechnologie eine grundlegende Veränderung der menschlichen Natur und der Gesellschaft herbeiführen könnte. In
Gestalt moderner Empfängnisverhütung ist das ja vielleicht schon eingetreten. Und das wäre erst der Anfang.
Die zersetzenden Auswirkungen der Gentechnik werden sich besonders in einer überalterten Welt zeigen . Die unmittelbare Herausforderung für die Menschheitsgeschichte ist die Aussicht , daß die Familie durch ein gentechnisches Fortpflanzungssystem ersetzt wird . Nicht die Erzeugung von Supermenschen könnte bald die wichtigste soziale Herausforderung des wissenschaftlichen Fortschritts sein , sondern die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter . Natürlich besteht die Gefahr, daß die Gentechnik eines Tages eine Hierarchie herbeiführt. Die Gentechniker der Zukunft werden aber eher unter dem Druck stehen, überhaupt Nachwuchs zu erzeugen. Sollte es irgendwann tatsächlich die Möglichkeit geben, „bessere“ Menschen zu konstruieren, so wird das in einer stark überalterten Welt geschehen. Der Druck, dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken, wird die Gentechniker noch lange begleiten.

Wo über künstliche Gebärmütter und das Ende der Familie geredet wird, sind wir weit entfernt von konservativ-religiösen Erneuerungsbewegungen. Angesichts einer Bevölkerungskrise ist eine konservative Rückbesinnung ebenso möglich wie ein eugenischer Albtraum. Der Soziologe David Popenoe hat in seiner bahnbrechenden Untersuchung über den Zerfall der westlichen Familie („Disturbing the Nest“,1988) idealtypische Szenarien entworfen, die eine Stärkung aber auch eine weitere Zerrüttung der Familie denkbar erscheinen lassen.
Was kann den Niedergang der westlichen Kleinfamilie aufhalten ? Laut Popenoe alles , was Wohlstand , Säkularismus und Individualismus entgegenwirkt , all jenen Dingen , die zum Zerfall der Familie führten . Der wirtschaftliche Niedergang könnte die Menschen zwingen , sich wieder auf die Familie statt auf den Staat zu verlassen . Eine religiöse Erneuerung könnte zu einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte führen . Und eine veränderte Interessenlage angesichts des sozialen Chaos könnte die Vorzüge eines extremen Individualismus in Frage stellen. Wir haben bereits gesehen, daß in einer demographisch-ökonomischen Krise alle drei Varianten möglich sind. Und was, wenn die Kleinfamilie ganz und gar verschwindet? Laut Popenoe könnte unsere zunehmende Neigung, Partnerschaft von Sexualität und Fortpflanzung zu trennen, in verstärktem Maß zu einem Ende der Kleinfamilie führen.
Besonders in Europa verwandeln sich Ehen in elterliche Partnerschaften. Und überall dort, wo Eltern gewöhnlich zusammenwohnen, geht man zum living alone together über. Unverheiratete Eltern leben „zusammen“, haben aber getrennte Wohnungen, und nur einer der beiden Partner hat ein Kind. Und natürlich stellt auch die bewußte Mutterschaft von älteren alleinstehenden Frauen eine deutliche Abkehr von der Kleinfamilie dar. Der nächste logische Schritt könnte so aussehen, daß alleinstehende Mütter ihre Kinder an eine andere Person oder Gruppe zur Aufzucht übergeben. Das wäre definitiv das Ende der Kleinfamilie.
Eine langanhaltende Wirtschaftskrise , begleitet von einem besorgniserregenden Bevölkerungsrückgang , würde die Frauenbewegung zweifellos unter Druck setzen . Es ist aber unwahrscheinlich , daß postmoderne Einstellungen zu Frauen , Arbeit und Familie ohne größere kulturelle Kämpfe einfach abgeschafft oder deutlich modifiziert werden können . In einer Welt mit rapide schwindender Bevölkerung wäre ein eugenisches Regime der logische Weg zum Schutz feministischer Ziele , und es gibt ja auch genügend Beispiele für ein Zusammengehen von Eugenik und Feminismus .
Immerhin haben Pionierinnen der Geburtenregelung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Feminismus und Eugenik zusammengebracht. In dem Maße, wie Geburtenregelung weithin praktiziert wurde, ging die Geburtenrate deutlich zurück – vor allem in der Oberschicht, die Zugang zu den technischen Möglichkeiten hatte. Aus Sorge über den zahlenmäßigen Rückgang der Eliten appellierte Theodore Roosevelt an die Frauen der Oberschicht, mehr Kinder zu bekommen. Selbst fortschrittliche Menschen stellten ihr Engagement für die Rechte der Frauen in Frage. Margaret Sanger plädierte für ein eugenisches Regime von erzwungener Sterilisierung und Geburtenregelung. Statt „die Gebildeten“ aufzufordern, mehr Kinder zu bekommen, sprach sie sich dafür aus, „Geisteskranke und Behinderte“ daran zu hindern, Kinder in die Welt zu setzen.
Die Frauenbewegung der sechziger Jahre stellte noch weitere Bezugspunkte zwischen Feminismus und Eugenik her. Shulamith Firestone etwa schrieb , daß Frauen erst dann wirklich frei seien , wenn sie von der Bürde der Fortpflanzung befreit seien . Heute , da Wissenschaftler daran arbeiten , Embryonen im Labor zu züchten , und Techniken entwickeln , mit deren Hilfe immer früher geborene Babys am Leben erhalten werden können , ist die Aussicht , daß es eines Tages eine funktionstüchtige künstliche Gebärmutter gibt , durchaus real . Wenn es um die Wahl geht zwischen beruflicher Gleichstellung und der sozialen Notwendigkeit, mehr Kinder zu haben, kann man sich leicht vorstellen, daß sich manche Linke für technisches Outsourcing entscheiden (also verschiedene Formen der Leihmutterschaft). In gewisser Weise wird dies ja schon praktiziert. Man denke nur an die kleine, aber wachsende Zahl von älteren Karrierefrauen, die jüngere Frauen anheuern und dafür bezahlen, daß sie Kinder für sie zur Welt bringen. Manche Frauen dürften die Eugenik als „logische“ Antwort auf den Druck zur Rückkehr zur traditionellen Familie betrachten.
Christine Rosen , die die Möglichkeiten und Auswirkungen der „Ektogenese“ untersucht hat, weist darauf hin , daß die Kritik an der menschlichen Ausbeutung , die in der Leihmutterschaft angelegt ist , tatsächlich die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter vorantreiben könnte . Das würde den Warencharakter des Gebärens natürlich noch verstärken – und die Eltern-Kind-Beziehung schwächen, wenn nicht völlig beseitigen. Und wenn künstliche Gebärmütter eines Tages „sicherer“ sind als die menschliche Schwangerschaft, könnten Versicherungsgesellschaften fordern, daß Kinder nicht mehr in der hergebrachten, altmodischen Weise zur Welt gebracht werden.
Mit solch düsteren Aussichten muß man sich ernsthaft auseinandersetzen. Prinzipielle Kritik an Eingriffen in die menschliche Natur reicht aber ebensowenig aus wie gefühlsmäßiger Abscheu. Selbst im berühmten Image des Konservativen, der der Geschichte ein „Halt!“ entgegenruft, steckt die Erkenntnis von der Unausweichlichkeit der Modernisierung. Tocqueville betrachtete den historischen Trend zu immer mehr Individualismus als unüberwindliche Kraft.
Bestenfalls sei ein Kompromiß zwischen Individualismus und modernen Formen von religiösen, familiären und zivilen Gemeinschaften zu erreichen. Heute sind selbst Tocquevilles Gegengewichte zu einem radikalen Individualismus verschwunden – vor allem im Bereich der Familie.
Die Ansicht, die tiefgreifenden sozialen Veränderungen der sechziger Jahre seien inzwischen unumkehrbar, ist in der Tat verlockend. Weithin verfügbare Verhütungsmöglichkeiten, Abtreibung, Berufstätigkeit von Frauen, immer weniger Eheschließungen, zunehmender Säkularismus und Individualismus – all das ist kaum noch wegzudenken. Die langfristigen Auswirkungen sind aber keineswegs klar. Selbst die große Babyboomer-Welle ist noch nicht vorbei. Irgendwann wird sich vielleicht zeigen , daß die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht da Ende der Geschichte gebracht hat , sondern eine Übergangsphase zwischen der Moderne und einer neuen , langen Epoche eines Bevölkerungsrückgangs war# . Eine Kursänderung der Moderne wäre auch ohne ein komplettes ökonomisches Desaster oder eine relative Disparität in der Geburtenziffer von Fundamentalisten und Säkularisten möglich. Chronische ökonomische Probleme in einer rasch alternden Welt reichen aus. Es gibt gute Gründe, das Schicksal von älteren Babyboomern mit fragilen Familien, eingeschränkten Ersparnissen und relativ wenigen Kindern mit Sorge zu verfolgen. Eine jüngere Generation von Berufstätigen wird bald für die Versorgung dieser älteren Generation aufkommen müssen . Der ohnehin akute Mangel an Pflegepersonal wird sich noch verstärken. Der Bevölkerungsrückgang könnte den Wert von Immobilien gefährden. Und über all diese Probleme, die die demographische Entwicklung mit sich bringt, werden die Medien täglich berichten.
In einer solchen Situation könnten sich, neben einer grundsätzlichen Neuorientierung von persönlichen Interessen, neue soziale Werte herausbilden. Die Moderne selbst könnte in die Kritik geraten , während Ehe und Elternschaft wieder Respekt genießen . Eine erfolgreiche Geburtenförderung (sofern sie auf die herkömmliche Familie setzt und nicht auf Leihmutterschaft oder künstliche Gebärmutter) kann konservative Trends nur verstärken. In diesem Fall werden wir feststellen, daß es Radikale sind, die sich dem neuen geschichtlichen Trend entgegenstellen und „Halt!“ rufen.
In den kommenden Jahren werden die Menschen zwischen drei Möglichkeiten wählen können : einer partiellen Wiederherstellung traditioneller sozialer Werte , einer radikalen neuen Eugenik oder einem unaufhaltsamen Bevölkerungsrückgang . Lange Zeit wird es keine klaren Entweder-oder-Lösungen geben. In den Gesellschaften wird über den richtigen Weg gestritten werden. Manche Regionen werden sich für traditionellere Wege entscheiden , andere werden mit radikal neuen sozialen Formen experimentieren , wieder andere werden weiter schrumpfen . Und viel wird von der wirtschaftlichen Zukunft abhängen, die niemand zuverlässig vorhersagen kann. Die sozialen Innovationen der Moderne werden jedenfalls noch immer ausprobiert – und das Ergebnis ist offen.<<