Jonas Erne: Warum werden Menschen zu Bibelkritikern?

Warum werden Menschen zu Bibelkritikern?

Wie kommt es, dass immer mehr Gemeindebünde von der Bibelkritik unterwandert und verseucht werden? Wie kommt es, dass auch immer mehr Evangelikale die Ergebnisse der bibelkritischen Theologie gut finden? Ich zähle im Folgenden einige Gründe auf (es gibt natürlich noch mehr), von denen ich denke, dass sie häufig dazu führen, dass sich Menschen der Bibelkritik öffnen.


Wie kommt es, dass immer mehr Gemeindebünde von der Bibelkritik unterwandert und verseucht werden? Wie kommt es, dass auch immer mehr Evangelikale die Ergebnisse der bibelkritischen Theologie gut finden? Ich zähle im Folgenden einige Gründe auf (es gibt natürlich noch mehr), von denen ich denke, dass sie häufig dazu führen, dass sich Menschen der Bibelkritik öffnen.

1. Der Wunsch, die Bibel besser zu verstehen
Ich glaube, dass der häufigste Grund derjenige ist, dass Menschen die Bibel noch besser verstehen möchten. Sie meinen, dass die Methoden der Naturwissenschaft auch bei der Bibel zu besserem Verständnis führen können. Wenn man den Lauf der Sterne besser erklären kann, indem man jede übernatürliche Beeinflussung ausschließt, dann könnte dasselbe ja auch für die menschliche Geschichte und das Verständnis der Bibel gelten. Der Wunsch führt leider oft so weit, dass man die Bibel besser verstehen will, als Jesus Christus sie verstanden hat. Jesus Christus hat das ganze Alte Testament als von Ihm persönlich durch Seinen Geist inspiriert und unfehlbar betrachtet. Wer mit Jesus gegen die Bibel argumentieren will, argumentiert mit Jesus gegen Jesus.

2. Der Wunsch, ein positives Gottesbild zu bekommen
Es gibt Menschen, die verzweifeln an ihrem Gottesbild, das sie angeblich aus der Bibel haben wollen, bei welchem sie aber manche biographischen Erlebnisse in bestimmte Begriffe der Bibel hineininterpretieren. Und nun meinen sie, dass die historisch-kritische Bibelauslegung ihnen helfen kann, mit ihren Gottesbildern klarzukommen. Zumeist sind diese sehr einseitig – und werden dann durch wiederum andere sehr einseitige, aber nun ins Gegenteil pervertierte Gottesbilder ersetzt. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, sei nun mal dahingestellt.

3. Der Wunsch, die eigenen Zweifel zu rechtfertigen
Häufig studieren Menschen Theologie, die von ihrem Charakter her schon immer alles gut überdacht und hinterfragt haben. Nun wird ihnen im Studium eine Reihe von Methoden geliefert, die ihnen helfen, ihren Zweifel nicht mehr als etwas Negatives, sondern als eine notwendige Voraussetzung für das theologische Arbeiten zu sehen. Damit wird der Zweifel vergötzt und zu einem falschen Zweck instrumentalisiert. Leider wird in vielen Gemeinden und Jugendkreisen auch heute noch vor dem Zweifel gewarnt. Hier sehe ich eine zum Teil berechtigte Komponente der universitären Theologie, dass sie versucht, den Studenten die Angst vor dem Zweifel zu nehmen. Leider fällt sie damit jedoch auf der anderen Seite vom Pferd, indem sie den Zweifel zur Methode macht (darüber wird in einem späteren Blogpost noch die Rede sein).

4. Der Wunsch, Menschen zu Jesus zu führen
Vielfach sind junge Menschen auch vom Wunsch beseelt, viele Menschen zu Jesus führen zu wollen, und das ist ein enorm wertvoller Wunsch. Doch dieser Wunsch kann auch dazu führen, dass Menschen versucht sind, die enge Pforte und den schmalen Weg breiter zu machen als Jesus sie gemacht hat. Das führt zu einer Umdeutung oder Vernachlässigung von echter Buße, Bekehrung und Wiedergeburt. Es wird zu einer billigen Gnade und einem verdrehten Evangelium, das psychologisch statt soteriologisch (die Erlösung betreffend) gedeutet wird. Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, während Gott an die Peripherie gedrängt wird. Theologie wird zur Anthropologie und das Evangelium zu einer Wunscherfüllungsmaschinerie menschlicher Sehnsüchte. Wer hingegen am altrauhen Evangelium von Gottes Zorn, Sünde, Buße, Himmel und Hölle, Erlösung und stellvertretendem Sühnopfer festhält, wird als Pharisäer abgestempelt, der dagegen versucht, die Messlatte möglichst hoch anzusetzen, um sich selbst besser und geliebter zu fühlen, indem alle anderen ausgegrenzt werden. Am Ende gilt Gottes Zorn nur noch jenen altmodischen Wörtlichverstehern, die nichts von der Bibel kapiert haben.

5. Der Wunsch nach Anerkennung
Das Streben nach Anerkennung
sitzt in jedem Menschen. Deshalb ist es auch so leicht, dem Druck der sogenannten „Wissenschaftlichkeit“ nachzugeben. Wer publizieren will, ist diesem Druck sehr schnell ausgesetzt. Wer lehren will, wird auch auf die Vorgaben der gerade herrschenden Vorstellung von Wissenschaftlichkeit geprüft. Da hier auf der universitären Ebene nun mal die historisch-kritische Methodik gehört, ergibt sich ein Teufelskreis von Lehrenden und Lernenden, der immer tiefer in den Strudel bibelkritischer Methodik hineinführt.

6. Der Wunsch, es sich nicht zu einfach zu machen
Das Leben ist kompliziert. Oder zumindest scheint es vielen Menschen kompliziert zu sein. (Mal Hand aufs Herz: Könnte es nicht sein, dass wir es uns oft selbst zu kompliziert machen?) Deshalb darf es im Leben auch keine einfachen Antworten geben. Alles muss mit einem „Ja, aber…“ versehen werden. Die historisch-kritische Methodik ist ein Arsenal an Möglichkeiten, wie man dabei vorgehen kann, um sich das Leben schwer zu machen. An die Stelle des einfachen, kindlichen Vertrauens in Gott und Sein Wort tritt ein neues, geradezu päpstlich-unfehlbares Lehramt der Bibelkritik, das für jedes Wehen des Zeitgeistes eine individuelle, diesen gleichsam aufnehmende, Antwort zu bieten hat. Das kostet viel Kraft, viel Zeit und viel Geld für Leerstellen – pardon: Lehrstellen – im universitären Bereich. Aber zumindest muss sich dann niemand den Vorwurf gefallen lassen, man würde es sich zu einfach machen.

7. Der Wunsch, selbständig denken zu wollen
„Das wird man ja wohl noch denken dürfen!“ „Die Gedanken sind frei!“ „Wir sind zur Freiheit unseres Denkens berufen!“ Die Vergötzung des menschlichen Verstandes, der sich selbst das Gesetz sein will, autonom, unabhängig von jeder äußeren Vorgabe, nimmt viele Züge an. Die historisch-kritischen Methoden bieten viele Werkzeuge, die dem Menschen helfen, in der Bibel zu finden, was sie von ihr zu finden erwarten. Überraschung hält sich in Grenzen, ist doch der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, wenn er sich zum Maßstab für das macht, was er finden will. Natürlich gibt es hin und wieder kleinere Überraschungen, die dann frenetisch gefeiert werden, als würden sie eine neue Reformation bedeuten. Doch nicht selten stellt sich nach etwas Nachdenken heraus, dass es sich lediglich um eine leicht abgeänderte Form eines Gedankens handelt, der schon vor Jahrhunderten geäußert, damals aber vor der Kirche abgelehnt wurde. Entsprechend ergeben sich dann Forderungen, man müsse diese früheren Personen rehabilitieren.

8. Der Wunsch, alles besser zu machen als frühere Generationen
Es ist gut, wenn Menschen aus früheren Fehlern zu lernen versuchen. Doch ist nicht alles ein Fehler, was heute als Fehler gesehen wird. Häufig ist der Wunsch nach Rebellion gegen alles Frühere Vater des Gedankens. Doch die Bibel macht klar, dass Rebellion eine Zaubereisünde ist (1Sam. 15:23). Die Idee, man sei besser als frühere Generationen führt zu Stolz und dem Denken, man sei besser als das Frühere. Hier wäre deutlich mehr Demut und eine bessere Kenntnis des Früheren vonnöten. Eng damit verbunden ist auch das Denken, man lebe heute in einer nie zuvor dagewesenen Zeit, die nach neuen Ideen und einer neuen Theologie verlange, die für die Menschen unserer Zeit annehmbar sei. Was dabei unter den Teppich gekehrt wird, ist die Tatsache, dass die echte, biblische, einzig und ewig gültige Wahrheit noch nie für die Menschen irgend einer Zeit annehmbar war. Sie war den Griechen eine Torheit und den Juden ein Anstoß. Das wird heute nicht anders sein. Den Modernen eine Torheit und den Postmodernen ein Anstoß. Davor müssen wir keine Angst haben, Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.

Autor: Jonas Erne

Ich bin Ehemann, Vater, Theologe, Gemeindereferent, Vielleser. Auf meinem Blog geht es um Gelesenes, aber auch um die Auseinandersetzung mit Fragen des täglichen Lebens, mit der Kultur und der Bibel. Hin und wieder gibt es auch kreative Texte wie Gedichte, kurze Geschichten und mehr.

2 Gedanken zu „Jonas Erne: Warum werden Menschen zu Bibelkritikern?“

  1. Lieber Reinhard, lieber Jonas,
    zunächst mal: Habt keine Angst vor mir, ich hate auch nicht. Ihr schreibt hier, ich glaube, es ist Jonas: „Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, während Gott an die Peripherie gedrängt wird. Theologie wird zur Anthropologie und das Evangelium zu einer Wunscherfüllungsmaschinerie menschlicher Sehnsüchte. Wer hingegen am altrauhen Evangelium von Gottes Zorn, Sünde, Buße, Himmel und Hölle, Erlösung und stellvertretendem Sühnopfer festhält, wird als Pharisäer abgestempelt, der dagegen versucht, die Messlatte möglichst hoch anzusetzen, um sich selbst besser und geliebter zu fühlen, indem alle anderen ausgegrenzt werden. Am Ende gilt Gottes Zorn nur noch jenen altmodischen Wörtlichverstehern, die nichts von der Bibel kapiert haben.“

    Zunächst mal: Jesus selber stellt den Menschen in den Mittelpunkt, indem er das Prinzip „Gnade vor Recht“ installiert und sich den Menschen in unglaublicher Empathie zuneigt. Er beugt oder bricht mehrmals entschieden das Gesetz des Vatergottes, zum Beispiel beim Thema Ährenraufen, Essen mit ungewaschenen Händen, Heilung am Sabbat und Rettung einer Ehebrecherin vor der Steinigung. Wenn ich das NICHT als eine Antithese zum Alten Testament empfinden soll, bekomme ich einen Knoten im Hirn (Soviel mal zu dem Thema Jesus mit Jesus zu widersprechen). Die Sache ist um einiges komplexer, als sowohl Liberale, als auch Konservative sie gerne hätten. Ich denke mittlerweile – und gebe dabei zu, dass mein Gehirn eigentlich zu klein ist, um es zu kapieren – dass Jesus sehr wohl GEGEN die Gebote Jahwes handelt, aber in Wirklichkeit doch nur scheinbar. Das Wesen Gottes ist Liebe, Gnade und Barmherzigkeit. Sein Zorn resultiert aus diesen Eigenschaften. Er ist nie gegen die Menschen, sondern immer für sie. Sein Zorn will uns nicht vernichten, sondern zur Buße leiten. Und das Ergebnis der Buße, so verstehe ich es, soll sein, dass wir ein weiches, „fleischernes“ Herz bekommen und unseren Mitmenschen ihre Übertretugen verzeihen. Eine Weltanschauung, in der nicht der Mensch, sondern Gott im Mittelpunkt steht, wäre der Islam. In der Bibel, egal ob AT, als auch NT setzt Gott den Menschen zum Mittelpunkt. Er geht sogar soweit, sich für die Menschen zu opfern. Das Ergebnis dessen ist, dass der Vorhang vor dem Allerheiligsten, der Gott und Mensch trennte, für immer zerrissen ist und Gott nun bei uns herunten ist („Sein Gesetz in unsere Herzen geschrieben hat“). Die einzige Forderung, die Gott noch an uns stellt, ist, dass wir den Schuldenerlass, den er uns gewährt hat, an unsere Schuldiger weiterreichen. Im Gleichnis vom ungerechten Knecht finden wir erzählt, wie es dem ergeht, der seinen Schuldiger belangt. Gott fordert dann auch von ihm das seine zurück. Und das ist genau das, was ich sogenannten Konservativen immer so gerne vermitteln möchte. Überlasst Gottes Zorn Gott. An uns Menschen ist es nicht, Urteile zu fällen. Unser Job ist es, zu lieben.

    Grüßle, Patrick Rabe

    1. Hallo Patrick,

      was die meisten Progressiven nicht verstehen wollen, ist zunächst einmal, dass viele Gesetze, die zur Zeit des NT gang und gäbe waren, gar nicht aus dem AT stammen. Sie waren menschengemacht. Man nehme zum Beispiel die Antithesen der Bergpredigt: Ihr habt gehört, dass… ich aber sage euch… Da darfst Du Dich gern mal auf die Suche machen, wo das Gehörte im AT vorkommt.

      Es gab nämlich schon immer die Frage: Wie können wir sicherstellen, dass wir nach den Geboten Gottes leben? Und das ist eine sehr wertvolle Frage. In der Praxis kann das aber durchaus verschieden aussehen. Wer Bäcker ist, sollte an seinem Ruhetag nicht auch noch backen müssen, aber die Menschen lieben es, wenn sie so eine Liste zum Abhaken haben: Heute hab ich nicht gemordet, nicht die Ehe gebrochen, wow, was bin ich doch für ein guter Mensch!

      Jesus hat nie gegen die Gebote Jahwes gehandelt. Nie. Aber manche menschengemachte Auslegungen in Frage gestellt. Und deshalb bin ich immer für dasselbe: Nehmen wir Gottes Wort ernst, aber mit der Freiheit, die menschlichen Auslegungen in Frage zu stellen. Was in Gottes Wort, der Bibel, klipp und klar drin steht, ist unveräußerlich. Progressive Theologie ist mir zu wenig selbstkritisch und zu sehr bibelkritisch. Ansonsten bin ich ganz bei Deinem Schluss-Satz. Unsere Aufgabe ist es zu lieben. Und das kann ganz unterschiedlich aussehen. Progressive sind mir da zu einseitig, weil sie Liebe als laisser-faire verstehen. Das ist keine Liebe, das ist Gleichgültigkeit. Und Gleichgültigkeit ist schlimmer als Hass. Liebe will das Beste für die geliebte Person. Und ist bereit, dafür eine ganze Menge zu opfern. Den guten Ruf, vielleicht auch die Freundschaft, wenn etwas angesprochen werden muss, was nicht in Ordnung ist. Das ist echte Liebe.

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