Faschismus und Matriarchat

Individualität setzt Herrschaft voraus. Eine Gesellschaft, die keine Autoritäten duldet, wird auch keine Exzellenz dulden, keine eigenen, dem Kollektiv noch unbekannten, Gedanken zulassen und schon bei besonderen Fähigkeiten und Interessen nervös werden. Eine egalitäre Gesellschaft tendiert natürlicherweise zur Gleichförmigkeit ihrer Mitglieder.
Das Ende so einer Entwicklung – die sehr schnell zu Ende gehen kann – ist die Diktatur, wobei hier Faschismus und Kommunismus den gleichen autoritätsfeindlichen Zug und den gleichen Hass auf alle Vaterschaft erkennen lassen.

Der folgende Auszug stammt aus dem Buch „Biblisches Ethos im Zeitalter der Moralrevolution“. Georg Huntemann, der Autor, war Professor für Ethik und Apologetik an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule (STH) in Basel und Doktor der Theologie sowie der Philosophie. Außerdem hatte er einen Lehrauftrag in Löwen und war Pastor in der Martinikirche in Bremen:

„Faschismus und Nationalsozialismus waren keine autoritativen Weltanschauungen, sondern sie waren genau das Gegenteil davon. Der Nationalsozialismus war eine Anti-Vater-Gott-Revolution, die mit ihm bereits einen Höhepunkt erreichte und heute unter anderen ideologischen Karosserien aber mit gleichem Fahrgestell ihre konsequente, inhaltlich wie strategisch-technisch gleichartige Fortentwicklung erlebt.
Die unbedingte Hingabe an den „Führer“, dieses Überfahrenwerden personaler Selbständigkeit, die Bejahung der Gruppe, die Vorordnung des Kollektivs vor dem einzelnen ist anti-personalistisch gegen göttliche Autorität als absolute Autorität gerichtet. Bedeutsam ist, daß der Nationalsozialismus nein sagte zum Gewissen, das er als eie „jüdische Erfindung“ verurteilte.
[…]
Die mehr oder weniger motivierte atheistische Philosophie der Kritischen Theorie oder des Neomarxismus hat deswegen den Nationalsozialismus gründlich mißverstanden. Der Kampf dieser Bewegung gegen absolute Autorität überhaupt, wie wir ihn im ersten Kapitel darstellten, setzt in mancherlei Weise – auch wenn es selbstverständlich diesen Philosohen nicht bewußt ist – den antiautoritativeen Trend des Nationalsozialismus fort.
[…]
Bekanntlich hat Dietrich Bonhoeffer – übrigens in der Theologenwelt seiner Zeit sehr einsam – die NS-Bewegung als antiautoritäre Bewegung praktisch als Vatermordgesellschaft – erkannt.
Zwei Tage nach der sog. „Machtergreifung“ Hitlers vom 30. Januar 1933, am 1. Februar, hielt Dietrich Bonhoeffer einen Rundfunktvortrag über das Thema „Der Führer und der einzelne in der jungen Generation“, der am Schluß der Sendung abgeschaltet wurde. Inhalt und Umstände dieses Vortrages zeigen Bonhoeffer als einen Mann der konservativen politischen Opposition von Anfang an. Wir wissen, daß er es bis zum Ende blieb. Während den sozialistischen Parteien, sowohl der KPD als auch der SPD, die Massen davonliefen und gerade in Berlin SA-Stürme „bekehrte“ Kommunisten aufnahmen (z.B. der SA-Sturm 5 von Horst Wessel), formte sich der eigentliche Widerstand gegen das sozialistische System Hitlers („Du bist nichts, dein Volk ist alles“) in einer konvervativen Opposition, die dann auch (mit Bonhoeffer) den Aufstand des 20. Juli vorbereitete und durchführte. Bonhoeffer für „links“ zu vereinnahmen, war und ist Teil des Spiels von Absurditäten in der modernen, zeitgenössischen Theologie.
Es ist bezeichnend, daß dieser abgebrochen Rundfunktvortrag, der so etwas wie eine konvervative Proklamation gegen das NS-Regime war, etwas später in der konservativsten Wochenzeitung des damaligen Deutschland, nämlich in der sog. „Kreuz-Zeitung“ („Neue Preußische Zeitung“) am 25. Februar mit nur geringen Kürzugen veröffentlicht wurde. Bonhoeffer stellt das Amt „von oben“, die Autoritätsstruktur konservativer, abendländischer Rechtstaatlichkeit gegen den Führer als den Diktator „von unten“. Er stellt die durch das Gebot Gottes legitimierte Autorität gegen die Ditktatur der Masse. Bonhoeffer schrieb: „Der Führer hat Autorität von unten, von den Geführten her, das Amt hat Autorität von oben her, die Autorität des Führers hängt an seiner Person, die Autorität des Amtes ist überpersönliche Autorität von oben her, ist Selbstrechtfertigung des Volkes, Autorität des Amtes ist Anerkennung der gegbenen Gesetze; Autorität von unten ist geliehene Autorität, Autorität des Amtes ist ursprüngliche Autorität…Es besteht ein entscheidender Unterschied zwischen Autorität des Vaters, des Lehrers, des Richters, des Staatsmannes einerseits und der Autorität des Führers andererseits. Jene haben Autorität durch ihr Amt und allein in ihm; der Führer hat Autorität durch seine Person. Die Autorität jener kann angetastet, verletzt werden, aber sie bleibt bestehen; die Autorität des Führers steht jeden Augenblick gänzlich auf dem Spiel, sie ist in der Hand der Gefolgschaft; den Führer wähle ich mir, Vater, Lehrer kann ich nicht wählen.“ (S. 326ff)

Und gerade aus dieser Charakteristik ergibt sich das Bedrohliche eines Führers „von unten“: er lebt nur durch die allgemeine Zustimmung und kann Gegenstimmen nicht dulden. Andererseits besitzt er aber wenigstens zeitweise die Kraft und Zustimmung der Masse und kann sich über jedes Recht und jede Ordnung hinwegsetzen. Die technische Möglichkeit und Gefahr einer Vermassung ist durch die Verbreitung der Medien heute größer als je zuvor.

„Der 27jährige Dietrich Bonhoeffer stößt so auf den Nerv der Auseinandersetzung zwischen Diktatur und konservativ-abendländischer Autorität. Bonhoeffer sieht den Untergang des einzelnen in seiner Verantwortung durch die erdrückende Macht des Kollektivs.“ (S.329)

Solange dieser Zusammenhang nicht gesehen wird, besteht die Gefahr, dass gerade die Angst vor einer Diktatur zur Diktatur führen kann. C.S. Lewis lässt das den Teufel Srewtape in der Hölle an die Absolventen der Abschlussprüfung folgendes sagen:

„Es ist unsere Aufgabe, das Verhalten, die Sitten, die ganze Geisteshaltung, die Demokratien normalerweise bevorzugen, zu fördern und zu unterstützen, denn sie dienen dazu, die Demokratie zu zerstören.“ (aus „Das Gewicht der Herrlichkeit“, S. 26

Wer nämlich gegen alle Autorität Sturm läuft, arbeitet gerade dem Agitator, dem Demagogen und Volksverhetzer in die Arme. Die Bereitschaft der Deutschen, sich einem hasstriefenden Machtmenschen anzuschließen, entstand nicht zufällig aus dem Erleben einer als schwach empfundenen demokratischen Regierung, die über die chaotischen Machtkämpfe der politischen Flügel auf den Straßen nicht mehr Herr wurde. Die Menschen hatten danach gerade nicht mehr die ordentliche Macht erhofft, die Kraft Amtes ausgeübt wird, sondern den starken Mann an der Spitze, sie wählten einen Mann aus dem Pöbel der Straßenkämpfe.

Ich habe den Titel „Faschismus und Matrarchat“ gewählt, weil in diesem jener über weite Teil fortlebt: auch das Matriaracht ist eine Vater-Mörder-Religion, die einen Hass auf alle Vaterschaft und alle Autorität hat. Das Ziel des Matriarchates ist keine Demokratie, in der verschiedene Meinungen nebeneinander stehen und nach einem geordneten Verfahren ausgezählt werden, sondern die sog. „Konsens-Demokratie“. Hierbei soll wie der Name sagt ein Konsens festgestellt und „Minderheitenmeinungen einbezogen“ werden. Wer auch immer die Macht hat, diesen „Konsens“ festzustellen, wird faktisch mit der Macht eines Diktators ausgestattet. Wer ihm oder ihr widerspricht, widerspricht dem Volk.
Wie jeder Diktatur ist auch das Matriarchat ein Aufstand gegen den Vater-Gott. Die feministische Theologie wendet sich daher nur am Rande gegen einzelne Stellen, in denen Frauen Leitungsämter in der Kirche versagt werden, sie wendet sich vor allem gegen Gott als Vater selbst und das Erlösungswerk seines Sohnes:

„Rosenberg [Alfred Rosenberg, Chefideologe des Dritten Reichs, Anm. MW.] ärgert sich – wie die Feministen auch – über das Sündenverständnis des Apostels und seine Lehre von der Versöhnung und Erlösung durch Christus. Diser – im Grunde feministisch denkende -Chefideologe wollte ein nicht vermitteltes, sondern unvermitteltes Einssein mit Gott; denn, so meinte dieser Freund „biblischer Textkritik“ -: „Die wissenschaftliche Textkritik hat so weit vorgearbeitet, daß alle technischen Voraussetzungen für eine zusammenschauende Neuschöpfung gegeben sind.“ [Alfred Rosenberg, Vorträge über das Vaterproblem, 1954, S. 142.]
Die vermittelnde Erlösung durch den Sühnetod Jesu Christi ist für den Feminismus wie für den NS-Rassismus genauso ein Ärgernis wie das biblische – vor allem eben paulinische – Verständnis der Sünde.“ (S.405f)

Die Abschaffung aller Autorität und Vaterschaft in Faschismus, Kommunismus und Matriarchat hat ihre Wurzeln in dem Aufstand des Menschen gegenüber Gott, vor dem er nicht als Sünder stehen und nicht seine Gnade annehmen will. Umgekehrt kann eine Hinwendung zu wahrer Vaterschaft nur dort gelingen – und nicht in Macho-Gehabe abgleiten – wo sie in Gott ihr Urbild sieht. Jeder Mann und Vater, der den Namen verdient, muss aber zuerst lernen, seine Knie vor seinem Vater im Himmel zu beugen:

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jede Vaterschaft in den Himmeln und auf Erden benannt wird: er gebe euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes.“ (Eph. 3,15-19)

Über die Bedeutung von „Diskriminierung“

Das Wort „Diskriminierung“ fängt nicht nur mit der scheinbar abwertenden Vorsilbe „dis-“ an (obwohl das Wort „Distanz“ auch nicht abwertend ist, ebenso wenig „Diskussion“), es enthält auch noch die hässliche Buchstabenfolge „skr“. Auf wen auch immer diese Wortschöpfung zurückgeht, er hat es allen, die den Kampf gegen Diskriminierung in Frage stellen, nicht gerade leicht gemacht. Hinzu kommt noch, dass es sich dabei um einen lateinischen Kern handelt, der suggeriert, es handle sich hier um ein uraltes Anliegen der Menschheit, gegen Diskriminierung vorzugehen.

Sieht man aber die Lexika im deutschen Sprachraum durch, fällt sehr schnell auf, dass der Begriff zwar (lt. Wikipedia) schon im 16. Jahrhundert nachgewiesen ist, aber erst im 20. Jahrhundert in den bürgerlichen Lexika auftaucht und wohl auch erst dann gesellschaftlich relevant ist:
Im großen Brockhaus taucht der Begriff zum ersten mal in der 17. Auflage von 1968 auf! Zusammen mit dem Artikel über das „Diskriminierungsverbot“ füllt das Thema eine Spalte, also eine halbe Seite. Bis zur 20. Auflage von 1996 nimmt das Thema bereits 3 Spalten ein, und in der 21. Auflage von 2005 kommt noch das Wort „diskriminieren“ hinzu, wobei alle drei Begriffen fast 4 Spalten einnehmen!
In Meyers Konversationslexikon sieht es ähnlich aus: selbst der unfassbar umfangreiche „Wundermeyer“ der Nullten Auflage (1846?) kennt keine „Diskriminierung“. Das Wort taucht bei Meyer allerdings in der 6. Auflage von 1905 auf. Der Eintrag lautet:
„Diskriminieren, von lat. discrimen, „Abstand, Unterschied, Entscheidung“) unterscheiden, trennen, sondern,; Diskrimination, Unterscheidung“.
Das ist alles. Gerade das Auftauchen dieses Begriffes in dieser knappen Form belegt, dass er keine soziologische oder juristische Relevanz besaß. In der 7. gekürzten Auflage von 1925 fliegt er dann wieder raus und wird erst wieder in der 9. Auflage von 1972 geführt – jetzt aber auf 2 Spalten.

Vielsagender noch als die quantitative Ausdehnung des Themas in den Lexika ist aber die spürbare Parteinahme gegen das Phänomen. In der ältesten Fassung von 1905 wird der Begriff einfach übersetzt. Ab 1968 wird er als soziologisches Problem erklärt aber noch neutral darauf hingewiesen, dass eine Diskriminierung vorliegt, WENN eine Unterscheidung willkürlich ist (so in der 17. Auflage des Brockhaus von 1968). In der jüngsten Ausgabe des Brockhaus von 2005 wird dann festgestellt, dass Diskriminierung „ungerecht“ sei, WEIL sie willkürlich vorgenommen werde. Wer diese Parteinahme des Brockhaus aufgrund dieser knappen Darstellung noch nicht überzeugend findet, sollte sich die Artikel mal ansehen und kann hier gerne als Kommentar schreiben, wenn er den Eindruck nicht teilt.

Man kann aber mit Sicherheit sagen, dass es sich bei dem Wort „Diskriminierung“ um ein wichtiges begriffliches Instrument der 68er handelt – ironischerweise taucht es genau im Jahre 1968 zum ersten mal in der modernen Bedeutung auf!

Welche Funktion hat dieser Begriff? Mein erster Gedanke war, dass es hier um das Gleichheitsprinzip geht, also alle Menschen sollen vor Gericht gleich behandelt werden. Aber gerade darum geht es im sog. „Antidiskriminierungsgesetz“ ja gerade nicht. Verboten sind ja gerade die Unterscheidungen im privaten Bereich, während die Diskriminierung durch den Staat im GG untersagt ist. Außerdem muss man keinen neuen Begriff einführen, wenn der alte alles aussagt, was man meint. Und das Wort „Gleicheit“ sagt alles aus, was man sagen möchte, wenn man „Gleichheit“ meint.
Aber auch die Ungleichbehandlung im privaten Bereich ist ein altes Problem, das überall aufgetaucht sein dürfte, wo unterschiedliche Ethnien und Geschlechter oder Religionen zusammen lebten, verschiedene gesellschaftliche Schichten zu gesellschaftlichen Barrieren führten etc…Sollte wirklich noch nie jemand auf die Idee gekommen sein, daran etwas zu kritisieren? Doch selbstverständlich, und man kann es beispielsweise in der Bibel nachweisen. Dort taucht zwar nicht das Wort „Diskriminierung“ auf, aber die Ausdrücke „die Person ansehen“ (z.B. im Gericht Spr 24,23, aber auch privat Eph 6,9) oder „einen Unterschied machen“ (Jak 2,4). Die Beispiele zeigen deutlich, dass auch in der Bibel das Gleichbehandlungsgebot nicht nur vor Gericht gilt, sondern auch privat. Wieso hat niemand vor den 68ern das Problem zu bezeichnen gewusst und ebenso dafür gekämpft wie für die Gleichheit vor Gericht?
Es scheint doch noch um etwas Anderes zu gehen.

Um zu verstehen, welche Funktion „Diskriminierung“ hat, muss man zunächst verstehen, was man eigentlich genau fordert, wenn man „Gleichheit“ vor Gericht fordert. Der Gleichbehandlungsgrundsatz ist nämlich nicht so trivial, wie er scheint. Vor dem selben Gericht wird der eine schuldig gesprochen und der andere unschuldig. Was soll daran gleich sein? Die geforderte Gleichheit wird nicht verletzt, wenn das Ergebnis unterschiedlich ausfällt, sondern wenn beispielsweise der Richter deswegen einen Unterschied vornimmt, weil der eine Geld bezahlt und der andere nicht. Oder wenn der eine zu einem höheren gesellschaftlichen Stand gehört oder der Richter eine persönliche Sympathie empfindet oder, oder…
Allen Fällen von Ungleichbehandlung ist gemein, dass in ihnen der Richter nicht nach dem Recht sondern nach seinem eigenen Gutdünken entscheidet. Es geht also eigentlich nicht um die Frage, ob zwei Personen buchstäblich gleich behandelt werden, sondern ob der Richter nach dem richtigen Maßstab Recht spricht. Denn ebenso, wie er alle Diebe gleich bestrafen könnte, könnte er ja auch alle Reichen gleich bevorzugen. Die Fordernung nach Gleichheit vor Gericht ist also eigentlich eine Forderung nach Gesetzestreue.

Bis zur Aufklärung war in Europa klar, dass ein Gesetz dann gut ist, wenn es mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Für die Aufklärer war dieser Gedanke unerträglich, und sie wollten eine Gerechtigkeit, die unabhängig von einer bestimmten Religion oder Weltanschauung ist und sich nur auf die Vernunft gründet. Es ist daher kein Wunder, dass aus der Forderung, alle Menschen vor einem bestimmten Gesetz gleich zu behandeln, die Forderung wurde, alle Menschen gleich zu behandeln – der Bezug zu einer bestimmten Ethik war nicht mehr angesagt. Die Frage war nun, wie man nun überhaupt Ethik betreiben konnte. Kant kam der rettende Gedanke, dass die Gleichheit der Menschen schon die Ethik sein könnte. Er formulierte diesen Gedanken dann in seiner berühmten Fassung des Kategorischen Imperativs: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Die Beispiele, die Kant dann aber selbst bringt, zeigen, dass er durchaus auf einen materialen Willen angewiesen ist, damit dieses Prinzip funktioniert. Die eigentliche Ethik setzt er also still voraus. Trotzdem hat sich die Vorstellung durchgesetzt, es gebe im Kategorischen Imperativ oder in dem Gleichheitsprinzip ein vernünftiges Postulat, mit dem man ethische Fragen klären oder Gerechtigkeit schaffen könnte. Aber soweit ich sehe, ist beides immer nur im Zusammenhang mit einer bestimmten Ethik brauchbar. Oder um es deutlicher zu sagen: die penible Einhaltung des Gleicheitsgebotes kann im Zusammenspielt mit einer verkorksten Ethik größeren Schaden anrichten als ein guter Richter, der manchmal das Recht durch Ansehen der Person beugt.

Der Versuch, Ethik auf ein formales Prinzip der Gleichheit zu reduzieren, hat also dazu geführt, dass die eigentliche Ethik, auf die das Prinzip angewendet wird, versteckt oder heruntergespielt wird. Zweitens wird das Ergebnis aber der Kritik entzogen, weil es nun als vernünftig gilt und nicht mehr auf einen bestimmten Kreis einer Religion beschränkt sein soll. Auf diese Weise wurde Ethik nicht mehr zum Teil einer bestimmten Gruppe der Bevölkerung, sondern konnte zur Staatsaufgabe werden, ohne dass dies im Wahn der Aufklärer etwas an der Religionsfreiheit geändert hätte.
Genau dieser Vorgang wurde mit der Entdeckung von „Diskriminierung“ im privaten Bereich wiederholt, aus den gleichen Gründen und mit den gleichen Gefahren:

Mit dem Thema „Diskriminierung“ haben die 68er den Versuch unternommen, auch private Umgangsformen einer Ethik zu unterwerfen, die den gleichen Ansprüchen genügt: sie soll unabhängig von einer bestimmten Weltanschauung oder Religion sein und daher die dahinter stehende Ethik verdecken. Zweitens soll über diesen Weg einem Staat die Möglichkeit gegeben werden, einerseits an seiner weltanschaulichen Neutralität festzuhalten, aber andererseits den Umgang der Menschen zu reglementieren. So wie also die Aufklärung mit dem Gesetzescharakter von Handlungen oder mit dem Gleichheitsprinzip versucht hat, die Gesetzgebung von der Ethik des Christentums abzukoppeln, so haben die 68er versucht, durch den Gedanken der „Diskriminierung“ Moral auch im Privaten zu verstaatlichen. Und genau das ist das Neue. Es gab zwar schon immer Ungleichbehandlung, die man als unethisch empfunden hat (siehe die o.g. Bibelstellen zum Umgang mit Reichen und Armen in der Gemeinde, ein Thema, das im Antidiskriminierungsgesetz interessanterweise völlig fehlt), aber neu war der Gedanke, dass der Staat als die entscheidende Instanz angesehen wurde, um diesen Zustand auch im Privaten zu regeln.

Und diese Zurückhaltung hatte gute Gründe: es gehört nämlich zum Wesen des Privaten, dass es keine Gleichheit kennt, wie man sie von einem Gericht erwarten kann. Der Richter kann seine Funktion als Rechtsprecher ja gerade dadurch erfüllen, dass er als Außenstehender eingreift, der selbst kein privates Interesse an dem Fall hat. Zusätzlich wird er durch seine Robe noch aus allen privaten Bezügen erhoben auf eine universale Ebene, von der aus er im Namen des ganzen Volkes Recht sprechen kann. Man kann auch sagen, dass das Amt eines Richters die institutionalisierte Absage an den Wunsch ist, dass Menschen ihre Angelegenheiten privat gerecht regeln können. Durch den Vorwurf der „Diskriminierung“ wird jeder Bürger zu einem Richter, der seine Beziehungen nach allgemeinen objektiven Gesetzen zu regeln hat.
Und eben diese Forderung ist unerträglich.
Die Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz ist wie gezeigt nichts anderes als die Forderung an den Richter, eben eine Außenposition behelfsmäßig einzunehmen, um wenigstens in Fällen von greifbarem Unrecht ein wenig für Gerechtigkeit zu sorgen. Wie kann man aber von einem Privatmenschen erwarten, nicht privat zu entscheiden? Sein Stand ist ja gerade durch die persönliche Betroffenheit in Streitfällen charakterisiert. Und die Betroffenheit verdunkelt in einer gefallenen Welt nun einmal den Blick für Gerechtigkeit. Daher kommt auch das bekannte Wort von Jesus, dass wir den Splitter im Auge des Bruders sehen, aber nicht den Balken im eigenen Auge.

Der andere Grund, der gegen die Verstaatlichung der Moral spricht ist, dass Gleichheit unter den Menschen im Privaten überhaupt nicht wünschenswert ist. Wieso soll es denn verboten sein, Ü30 Parties zu feiern? Natürlich ist das eine Form von Diskriminierung bestimmter Altersgruppen, aber sie ist trotzdem sinnvoll. Wieso sollten Menschen ihre Geburtstagsgäste nach objektiven einklagbaren Kriterien einladen? Natürlich wählen sie hier nur nach ihren persönlichen Vorlieben aus, was ein Richter eben nicht darf. Oder wieso sollte man umgekehrt bei Einstellungen nicht darauf achten, dass niemand aufgrund seiner Nasenform, seines Körpergewichtes, seiner Haarfarbe, seiner Schönheit oder Hässlichkeit diskriminiert wird? Diese Beispiele zeigen, dass der Kampf gegen Diskriminierung, also Ungleichbehandlungen im privaten Bereich, immer nur eine willkürliche Auswahl von Verboten darstellen kann, weil man mit einem allgemeinen Gleichbehandlungsgebot im Privaten mehr Schaden als Nutzen anrichten kann.

Nun hat man mit dem Begriff „Diskriminierung“ aber eine Möglichkeit entwickelt, strukturelle Ungerechtigkeiten zu bezeichnen, also solche Formen der Ungleichbehandlung, die flächendeckend auftauchen und eben nicht durch die vielen persönlichen Vorlieben relativiert werden. Kann man gegen solche Formen vorgehen? Das kann u.U. nötig sein, nur kann man es nicht mit dem Verbot von Diskriminierungen begründen. Sonst erweckt man den Eindruck, es handle sich nur um Beispiele eines zugrundeliegenden allgemeinen Prinzips, das eben ähnlich wie der Gleichheitsgrundsatz vor Gericht funktioniert. Wenn man solche Eingriffe für nötig hält, muss man sich darauf beschränken, die strukturellen Formen der privaten Ungerechtigkeit einzeln zu benennen und genau diese zu verbieten. Es macht also wenig Sinn die Diskriminierung beispielsweise von Alten zu verbieten, weil man dann immer noch suggeriert, es handle sich um eine Frage der grundsätzlichen Einstellung o.ä., nämlich, ob man allen Menschen irgendwie „gleich“ begegnet. Besser wäre es, konkret von „Benachteiligung“ zu sprechen. Wenn man aber verbietet, Alte zu benachteiligen, dann ist immer noch nicht klar, welches Verhalten man eigentlich bestrafen möchte. Sollen Menschen in der Werbung und in der Politik aus allen Altersklassen gleichmäßig gemischt sein? Will man Seniorenteller verbieten? Oder Kleinkindgruppen, weil die nur bis zu einem bestimmten Alter gehen? Hält man die Einstellung von Bewerbern über 35 Jahren im öffentlichen Dienst doch für sinnvoll? Muss ich meinen Freundeskreis jetzt dem Durchschnittsalter der Bevökerung anpassen? Selbstverständlich sind das alles Benachteiligungen aufgrund des Alters, und die Auswahl hat wohl angedeutet, dass die Beispiele beliebig vermehrt werden können. Ein Gesetz, dass also ganz allgemein eine „Benachteiligung“ verbietet, bietet der Rechtsprechung weitgehend Raum zur Willkür. So wie auch schon die Auswahl der Formen von Benachteiligung eine Willkür darstellt.
Und dabei ist es keineswegs so, dass es sich nur dann um Diskriminierung handelt, wenn die Eigenschaft der Person keinen Grund für die Benachteiligung darstellt. Versicherungen dürfen von Frauen auch keinen höheren Beiträge mehr erheben, obwohl Frauen objektiv höhere Kosten verursachen. Sie müssen auch das gleiche Gehalt bekommen wie Männer, obwohl sie häufiger für ihre Kinder aus dem Berufsleben ausfallen und so zusätzliche Kosten verursachen. Man kann von diesen Beispielen halten, was man will, aber sie zeigen, dass man eine Diskriminierung sehr weit fassen kann, was den Bereich der Willkür nur noch vergrößert.
Wer bestimmte Personengruppen vor bestimmten Übergriffen oder Benachteiligungen schützen möchte, sollte dies also ausdrücklich und abschließend tun, ohne dabei den allgemeinen Vorwurf der „Diskriminierung“ ins Spiel zu bringen. Die einzige praktikable Lösung bestünde im Falle der „Alters-Diskriminierung“ beispielsweise festzulegen: bei gleicher Qualifikation muss in 50% der Fälle der ältere Mitbewerber bevorzugt eingestellt werden. Dann ist klar, dass es um das Thema Arbeitssuche geht und es ist auch ausgeschlossen, dass ein Unternehmen sich dauerhaft zufällig gegen den älteren Mitbewerber entscheidet.
So ein Gesetz wäre dann immerhin einigermaßen klar, aber es wäre unerträglich und schwer plausibel zu machen. Und genau diese Probleme werden hinter dem allgemeinen Verbot zu diskriminieren verborgen.

Dieser bedrohlich unordentliche Raum, den notwendig jedes Antidiskriminierungsgesetz eröffnet, erwächst aus dem Versuch, dem Bürger eine neutrale, allgemeine Regel an die Hand zu geben, die ihn zu gerechten Urteilen im privaten Umfeld erziehen soll. Da die Regel offenbar völlig wertlos ist, so dass man ihre Bedeutung für das eigene Verhalten eher aus den Medien als aus dem Gesetzestext selbst erschließen kann, wird über Beispiele und die Rechtsprechung – eigentlich über einen Seitenweg – eine Moral eingeführt, die der Begriff der „Diskriminierung“ selbst eigentlich nicht enthält und gerade nicht enthalten soll – immerhin sind es ja gerade die 68er gewesen, die gegen alle „Moral“ Sturm gelaufen sind. Ihre eigene Moral kann aber nicht mehr zur Dispsosition gestellt werdenn, weil man jedes Beispiel an eine unerschütterliche Regel gebunden hat. Jeder, der nun im privaten Bereich eine Unterscheidung trifft, die nach der allgemeinen Rechtsprechungzum Diskriminierungsgesetz „ungerecht“ ist, verstößt nicht gegen einen Ethik, sondern scheinbar gegen den allgemeinen Grundsatz, dass niemand diskriminiert werden darf. Ihn trifft daher der analoge Vorwurf, den jeder bestechliche Richter treffen würde.
Wobei das noch harmlos klingt, denn ihn trifft ja eben nicht nur ein Vorwurf, sondern die Strafe eines Richters.

Hier zeigt sich deutlich die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn der Staat sich für moralische Fragen des Zusammenlebens zuständig fühlt: Er muss mit der Kraft des Schwertes eingreifen, wo die Kraft des Wortes nötig wäre.

Was ist Entfremdung?

„Von seinen Wegen wird satt, wer abtrünnigen Herzens ist, und von dem, was in ihm ist, wird satt der gute Mann“
(Sprüche 14,14)

Es ist nicht egal, wovon man satt wird. Und gerade dann, wenn Hunger kein Problem mehr ist, leiden Menschen daran, auf die falsche Weise satt geworden zu sein.
Salomo beschreibt hier genau das, was wir heute als „Entfremdung“ bezeichnen würden: ihr Weg, also ihr Beruf und ihr ganzes Leben wird als Fremdkörper empfunden obwohl er sie eigentlich am Leben erhält.
Alle großen Ideologien haben an diesem Gefühl der Entfremdung angesetzt: der Marxismus hat die Entfremdung auf die Arbeitsverhältnisse zurückgeführt, der Nationalsozialismus auf die „jüdischen“ Lehren des Christentums und des Kommunismus, der Feminismus auf die Herrschaft des Mannes, der Muslim auf die Einflüsse des Westens und der Ökologismus auf die Herrschaft des Menschen über die Natur.

Jede Ideologie bietet natürlich auch eine passende Lösung an. Die Sehnsucht nach einer Überwindung der Fremdheit machen sich Werbung und Filmindustrie zunutze und bombardieren uns mit Vorstellungen von erfülltem Leben, dass wir entweder durch ein bestimmtes Produkt erhalten, oder wenn wir erst mal den richtigen Partner finden oder wenn wir gezwungen werden, einen neuen Beruf zu wählen, oder uns politisch engagieren oder oder…
Dabei ist allen Vorstellungen gemeinsam, dass der Mensch durch sein Umfeld in ein Leben gezwungen wird, dass ihn unter dem Gefühl der Entfremdung leiden lässt.

Der Vers aus der Weisheitsliteratur bringt einen ganz neuen Gedanken: Entfremdung hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun, und zwar mit der eigenen!
Aber, so wird vielleicht jemand einwenden, ist nicht die Vorstellung von gut und böse der Grund dafür, dass sich Menschen entfremdet fühlen? Leiden sie nicht an dem Widerspruch, sich einem Leben verpflichtet zu fühlen, das sie eigentlich nicht wollen?

Ja, vermutlich ist das genau das Problem. Die Frage ist nun, welche Möglichkeiten man zur Lösung hat:
Entweder man hält das Gewissen für den Fremdkörper, der den Menschen von seinen eigentlichen Wünschen abhält oder man hält die Empfindungen und Sehnsüchte für den Fremdkörper, der vom eigenen Gewissen entlarvt wird.
Wenn das Gewissen der Fremdkörper ist, dann wäre das Ende der Entfremdung ein Leben, in dem wir unsere Wünsche, Sehnsüchte und Lüste ausleben könnten. Aber glaubt jemand ernsthaft, dass dieses Leben von irgendeinem Gewissen der Welt dann gutgeheißen wird? Salomo spricht ja gerade von den Schurken, die sich also nicht an gesellschaftliche Konventionen halten und dennoch nicht aus dem leben können, was in ihnen ist, weil in ihnen nur der Tod wohnt. Jeder kennt sein eigenes Herz gut genug um abschätzen zu können, ob das Leben, zu dem unser Herz uns zieht, wirklich erstrebenswert wäre.

Die Alternative ist, dass unser Gewissen unser eigenes ist und unser Handeln und Empfinden der entfremdete Teil. Dann aber wären wir als ganze Person der Fremdkörper. Denn wir empfinden doch nicht mit einem Teil von uns sondern wir selbst empfinden. Wir leiden also an dem Wissen, eben nicht gerecht zu sein, und zwar von unserem ganzen Wesen her. Wir haben nämlich das Wissen um die Fremdheit aber nichts, woran wir andocken könnten. Das ist der Grund für die ewige und ergebnislose Suche nach einer Überwindung der Entfremdung.

Aber jeder kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Empfindung der Fremdheit dort am geringsten ist, wo das eigene Handeln als gut und gerecht empfunden wird. Da wir keine eigene Gerechtigkeit haben, gibt es nur die Gerechtigkeit, die ein anderer uns geben kann. Und genau das ist die Botschaft des Evangeliums: Jesus Christus, der Sohn Gottes kam in die Welt um für unsere Schuld bestraft zu werden, damit wir durch seine Gerechtigkeit leben können.

„Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden „ (Eph. 2,4f)

Was verlieren wir durch staatlichen Ethikunterricht?

Der herkömmliche Religionsunterricht erscheint vielen als veraltet, weil er als christlicher Unterricht verstanden wird. Diese Konzeption sei nicht mehr mit der religiösen Wirklichkeit in Deutschland vereinbar und daher durch einen religionsneutralen Unterricht zu ersetzen. Das klingt zunächst plausibel, es offenbart aber einen fatalen Irrtum: es geht bei der Frage um den Religionsunterricht oder um Fächer wie „LER“ (Lebensgestaltung-Ethik-Religion) nicht um die Frage „Christentum oder Vielfalt“ sondern um die Frage, ob der Staat oder die jeweiligen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften Ethik und Weltbild vermitteln sollen!
Der Religionsunterricht ist nur deswegen ein überwiegend christliches Fach, weil nach wie vor die Kirchen die Religionsgemeinschaften mit der höchsten Mitgliederzahl sind. Anspruch hat aber jede Religionsgemeinschaft auf ihn. Das Besondere des Religionsunterrichtes nach dem GG ist das wohl austarierte Zusammenspiel zwischen Staat und Religionsgemeinschaft: einerseits behält sich der Staat die Aufsicht über den RU vor und damit auch das Recht, Unterricht zu verbieten, der beispielsweise gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet ist. Andererseits ist das Fach freiwillig und wird inhaltlich von den Religionsgemeinschaften gestaltet. Es dient also dazu, einerseits zu sichern, dass alle Kinder in ihrer Religion einen regelmäßigen Unterricht erhalten, aber der Staat selbst keine Partei für eine bestimmte Religion ergreift und sich also aus religiösen Dingen heraushält.
Einen guten Überblick über die Konzeption des RU nach dem GG gibt es auf Wikipedia.

Mit der Einführung des Faches LER haben einzelne Landesregierungen diese Institution der gegenseitigen Machtbegrenzung faktisch abgeschaft, in dem sie zwar das Fach RU noch weiter zulassen, aber eine vom Staat verfasste Ethik vermitteln. Das Fach sei „bekenntnisneutral aber nicht werteneutral“ Für den Schüler bedeutet die Kompetenzenübernahme des Staates, dass er dieses Fach nicht mehr abwählen darf, ob er die Ethik des Staates nun teilt oder nicht.

Dies wirft diverse Schwierigkeiten auf:

1. Durch die staatliche Wertevermittlung wird der Schüler in seinem Recht gehindert, dass es ihm nach dem GG erlaubt, nicht zu einer religiösen Praxis gezwungen zu werden. Das Bundesverfassungsgericht hat sich mit der Frage beschäftigt, ob die Eltern in ihrem Recht beschnitten werden, ihr Kind nach ihrer religiösen Auffassung zu erziehen, und ob die negative Religionsfreiheit des Schülers verletzt wird, also das Recht nicht zur Teilnahme an einer religiösen Lehre oder Praxis gezwungen zu werden. Das BVG sah keinen Grund, die Religionsneutralität des Ethikunterrichtes zu bezweifeln, was erstaunlich ist, weil das Urteil des BVG ausdrücklich die „Aufklärung“ und den „Humanismus“ als geistige Ideengeber des Unterrichtes nennt. Wieso sollen das keine Weltanschauungen sein? Man kann kaum glauben, dass die Richter das ernst meinten.
Die Schüler des staatlichen Ethikunterrichtes werden selbstverständlich gezwungen, an einem weltanschaulichen Unterricht teilzunehmen und dadurch in ihrem Grundrecht auf negative Religionsfreiheit beschnitten.

2. Der Staat verletzt die Trennung von Staat und Kirche. Denn auch wenn nur von „Wertevermittlung“ die Rede ist, sollen diese Werte doch begründet und diskutiert werden. Mit den Werten wird daher selbstverständlich auch ihre zugrundeliegende Weltanschauung vermittelt. Und das übersteigt nicht nur die Aufgaben des Staates sondern unterdrückt auch alle, die eine andere Weltanschauung vertreten. M.W wird nirgendwo ausgeschlossen, dass Schüler, welche die Staats-Ethik nicht teilen, dafür schlechte Noten erhalten können.

3. Durch die „Bekenntnisfreiheit“ wird das tatsächliche Bekenntnis als unhinterfragbar dar- und allen anderen Bekenntnissen vorangestellt. Den Schülern wird so suggeriert, das jede Abweichung von einer als „vernünftig“ vorgestellten Ethik als unvernünftig und im schlimmsten Fall krank oder gefährlich zu betrachten sei.

4. Eine Ethik, die nicht in ein Weltbild integriert ist, wird nicht viel Wirkung zeigen. Wieso sollte jemand dem im Unterricht schlau entwickelten Verbot, nicht im Halteverbot zu parken, folgen, wenn es für ihn günstig erscheint? Die meisten Gebote werden doch nicht übertreten, weil das Wissen um ihren Sinn fehlt, sondern, weil der Nutzen für den Einzelnen steigt, wenn nur er sich nicht an die Regeln hält (das Problem ist in der Philosophie als „Trittbrettfahrer-Problem“ bekannt und bisher ungelöst).

5. Ethik wird unglaubwürdig, weil sie ein Spielball der Politik wird. Wenn es eine schwarze Landesregierung gibt, wird vielleicht das Recht auf Eigentum höher und das Recht auf freien Sex niedriger aufgehängt, während eine rot-grüne Landesregierung vermutlich das Recht der Homosexuellen stärken möchte und den Ausstieg aus der Atomenergie für die einzig vernünftige ethische Position hält. Schüler, zumindest die älteren unter ihnen, durchschauen solche Zusammenhänge und werden „Werte“ für eine bloße Verlängerung der herrschenden Parteien halten – was sie dann ja auch sind.

Die Entscheidung für die staatliche Ethikvermittlung auf atheistischer Basis wurde übrigens immer mit den Stimmen der rot-grünen Parteien gefällt.

Eine Alternative wäre eine Anpassung des RUs an die tatsächlichen Gegebenheiten. Man könnte grundsätzlich überlegen, RU nachmittags anzubieten und bei kleineren Religionsgemeinschaften entweder Schüler in Stufen zusammen zu fassen und gegebenenfalls auch alle Schüler einer Schule. Bei sehr kleinen Religionen könnten mehrere Schulen zusammenarbeiten und den jeweiligen RU für die ganze Stadt anbieten. Notengebung bei sehr großer Altersspanne sind zwar schwieriger aber natürlich möglich. Auf diese Weise wäre das Recht auf die religiöse Erziehung wieder letztlich bei den Eltern und in zweiter Instanz bei den Religionsgemeinschaften, während der staatliche Unterricht sich darauf beschränkt, seine Verfassung im Geschichtsunterricht zu rechtfertigen aber sich aus religiösen und ethischen Fragen des Alltags heraushält.

Willow Creek in der „Kirche der Freiheit“

In der evangelischen Kirche gibt es im Rahmen der Aneignung und regionalen Umsetzung des Konzeptes „Kirche der Freiheit“ große Hoffnungen bei Mitgliedern von charismatisch-evangelikal geprägten sog. Profil-Gemeinden. Diese aus allen Nähten platzenden „frommen“ Gemeinden werden bald erfreulicherweise im Sinne von „Best-Practice“ kurz vor dem endgültigen Ausbluteten der liberal geprägten EKD besonders gefördert werden. Dort wittert man nun Morgenluft und will mit forcierter Umsetzung von Willow-Creek- und Gemeindewachstumskonzepten die Herausforderung annehmen.

Alles sehr schön … aber man erlaube mir bitte eine kleine Anmerkung zu Willow Creek … Wir brauchen doch disziplinierte Gemeinden, die Wort und Sakrament empfangen und im Glauben Frucht bringen. Leider befasst sich die moderne evangelikale Bewegung kaum mehr mit der biblischen Lehre von der Gemeinde. Alles ist pragmatisch geworden … A propos pragmatisch … Erfreulicherweise hat der Pragmatiker Bill Hybels eine groß angelegte Studie über Willow Creek veröffentlicht, auf Grund derer er sehr sich selbstkritisch äußert: Willow habe vielfach nicht dafür gesorgt, dass Menschen geistlich wachsen.
OK ohne Willow-Creek- und Rick-Warren-Konzepte wird der Aufbau von neuen evangelikal-charismatisch ausgerichteten Profilgemeinden innerhalb der EKD sicherlich nicht laufen, da viele der Leiter diese offensichtlich schon als festes Gemeindeaufbau-Raster internalisiert haben (siehe beispielsweise auch das troz allem letzlich sehr empfehlenswerte Buch von Sven Schönheit: „Unter offenem Himmel bauen“, das sich ja teilweise wie ein Excerpt der Gemeinde-Aufbau-Management-Literatur der letzen 20 Jahre liest).
Ich kann nur sagen … das wird man in meiner Gemeinde nicht wirklich gut finden. Dort dreht sich vieles um das Thema: Zurück zur biblischen Orts-Gemeinde. Konzepte aus dem Umfeld des evangelikalen amerikanischen Pragmatismus wie z.B Willlow Creek oder Rick Warren hört man dort nicht so gerne … Bewegungen wie „Emerging Church“ gelten dort gar als Irrlehre.
Wichtig ist daher meiner Meinung nach, dass man nicht dieselben Fehler wie Willow Creek macht und nur noch wunderbare, postmoderne Gottesdienste für Kirchendistanzierte macht, durch die die eigenen Gemeindemitglieder dann aber nicht mehr geistlich auferbaut werden.
Wichtig wäre daher ein starker Schwerpunkt auf JÜNGERSCHAFTSKURSE, die am besten in einer Gemeinde veranstaltet werden, die diesen „Service“ für alle anderen Netz-Gemeinden anbietet … Jeder macht das was er am besten kann für alle …
Mit freundlichen Grüßen
wanderprediger

Vom Nationalstaat zur geistigen Gesellschaft

Über die Seite „lebensquellen“ bin ich auf einen lesenswerten (und erstaunlich gut lesbaren) Abdruck einens Vortrages von Peter Berger über die Ausbreitung der Religionen gestoßen. Berger behauptet dort, dass Säkularisation kein Kennzeichen der Moderne sei. Moderne Staaten erkenne man vielmehr an einem gelebten Pluralismus, also einer Gesellschaft, in der verschiedene Religionen und Weltanschauungen nicht nur nebeneinander existieren, sondern auch interagieren und dabei friedliche Umgangsformen pflegen.
Die Verbreitung der Religionen sei letztlich eine Verbreitung des Pluralismus, weil fast alle Religionen sich fast überall verbreiten.
Dabei weist er auf zwei Ausnahmen hin: die „intelligentsia“, also die akademische Elite Amerikas und Europas und Mitteleuropa als geografische Ausnahmeerscheinung.
Nach meiner Einschätzung erliegt er allerdings der Gefahr, die sich kaum umgehen lässt, sobald man den Begriff „Religion“ verwendet, und richtet seinen Blick auf die alten Religionen. Neue religiöse Erscheinungen, die sich vielleicht noch nicht zu großen offiziellen Glaubensgemeinschaften zusammengefunden haben, werden so nicht erfasst. Würde der Religionsbegriff um diese Facetten erweitert, ließe sich das Bild von der säkularen Elite oder gar einem säkularen Kontinent nicht mehr halten. Denn auch in Europa sprießen religiöse Vorstellungen nur so aus der Erde, seien es esoterische Gruppen, Neuheiden, Hexenzirkel und – was ich als bürgerliche Religion noch zu belegen versuche – die Naturmystik.
Und gibt es die beobachteten Ausbreitungstendenzen nicht auch außerhalb der Religionen? Der Atheismus ist ja in den letzten Jahren gerade durch seine aggressive Missionsarbeit aufgefallen, die roten und grünen Parteien kämpfen mit harten Bandagen für ihre Weltanschauungen und stehen keineswegs als passives Überbleibsel der Säkularisation still.
Möglicherweise sorgt die Globalisierung nicht, wie Berger sagt, für die Ausbreitung des Pluralismus, sondern zunächst für einen Bedeutungsverlust des Nationalstaates. Die beobachtbare Aktivitätssteigerung in den diversen Religionen und Weltanschauungen könnte daher auch eine Reaktion auf einen Identitätsverlust darstellen. Also es ist altmodisch, sich vor allem als Deutscher zu fühlen, deshalb identifiziert man sich beispielsweise lieber mit seiner Mitgliedschaft in einer Hexen-Community.
Diese soziologischen Erklärungen dürfen nicht als „Enttarnung“ verstanden werden, denn der jeweilige Glaube kann durchaus genuin sein, auch wenn man nichtreligiöse Gründe für die Wahl einer Religion hat (niemand bestreitet, dass die meisten Menschen in ihre Weltanschauung ode Religion hineingeboren werden). Aber so wie Macht und Reichtum Menschen verführen und von wichtigen Dingen ablenken könnenn, so können natürlich Armut und Elend den Blick für religiöse oder weltanschauliche Fragen öffnen.
Was sich also tatsächlich ausbreitet ist weder die Religion noch die Säkularisation noch der Pluralismus, sondern vor allem die Zugehörigkeit zu einer geistigen Gesellschaft. Diese Form wird in Zukunft vermutlich die Bedeutung des Nationalstaates ersetzen.
Christen müssen sich auf diese Entwicklung allerdings nicht umstellen, ihr Reich war schon immer jenseits der politischen Realität. Jesus selbst hat darauf hingewiesen, dass man das Reich Gottes nicht verorten kann (Lk 17,21) denn es ist mitten unter uns.

Irritierende Wissenschaft

Luigi Luca Cavalli-Sforza ist Professor für Genetik an der Stanford-University in Kalifornien. Er beschäftigt sich in seiner Forschung u.a. mit der Enwicklung globaler menschlicher Stammbäume. An dieser Stelle möchte ich nur auf ein Zitat hinweisen, weil es für Kreationisten sehr vergnüglich ist:

„Die hypothetische Urmutter sollte also lange vor der Trennung in eine afrikanische und eine asiatische Menschenlinie gelebt haben. Daß die Medien sie „Eva“ genannt haben, war eher irreführend, denn sicherlich gab es zu keinem Zeitpunkt nur eine einzige Menschenfrau [sic!]. Aber es läßt sich eben nur die eine mitochondriale Erblinie zurückverfolgen – wir wissen nicht, wie viele ausgestorben sind.“
(aus „Spektrum der Wissenschaft. Die Evolution der Sprachen, S. 23, Artikel erschien 1992)

Über die Frage, ob am Beginn der Erblinie möglicherweise auch nur ein Mann steht, sozusagen ein Mann und eine Frau, sagt er vorsichtshalber gar nichts. Denn das wäre wirklich irritierend.

Mission und Kultur

Mission und Kolonialisierung gingen lange Zeit, viel zu lange, Hand in Hand. Um so erfreulicher ist es zu sehen, wie Mission neben ihrem eigentlichen Anliegen, den Menschen zuzurufen, dass sie in Frieden mit Gott leben können, auch eine ganz menschliche dienende Funktion hat. In dem Spektrum Heft „Die Evolution der Sprachen“ schreibt der Autor des letzten Beitrags über das Massenaussterben von Sprachen und den damit einhergehenden Kulturverlust für schätzungsweise 70 bis 90% (!) aller Sprachen und zu ihnen gehörenden Kulturen. Wer eine Sprache erhalten wolle, müsse die Sprachpraxis erhalten, nicht nur die Kenntnis einer Sprache. Und hierzu schlägt er vor:
„Eine Maßnahme, die Sprachpraxis aufrechtzuerhalten, besteht darin, die Bibel zu übersetzen und zu drucken.“
Auch von Ethnologen, die Missionare von Haus aus nicht leiden können (aber immer gerne ihre Flugzeuge benutzen…), weil sie ihr lebendes Museum zerstören, geben zu, dass es für viele Menschen ein sehr erhebendes Gefühl ist, zum ersten Mal die eigene Sprache in gedruckter Form vor sich zu sehen. Man muss dazu sagen, dass viele Neuübersetzungen der Bibel vor dem Problem stehen, dass sie mit schriftlosen Sprachen zu tun haben. Sie müssen also zunächst ein Alphabet entwickeln und schaffen so die notwendige Voraussetzung, die Sprache überhaupt zu lehren und das sprachliche Wissen zu transportieren. Aber der größte Nutzen besteht für die Angehörigen der Sprache selbst, die es als eine große Wertschätzung erleben, ein Buch in ihrer Sprache zu lesen.

Aber ist das nicht nur ein Nebeneffekt, der weder eigentlich beabsichtigt ist, noch die tatsächliche und gewollte Änderung der jeweiligen Kultur aufwiegen kann?
Ja, es ist ein Nebeneffekt, denn das Hauptanliegen der Mission ist tatsächlich die Verkündigung des Evangeliums, wobei die gleiche Liebe, die Menschen zu dieser Verkündigung auf die Straße treibt, den Menschen auch körperlich helfen möchte, wenn sie den Bedarf sieht. Wer die Krankenhäuser der Missionstationen zählt, wird schnell merken, dass Christen hier bei weitem nicht das billigste Mittel gewählt haben, um einfach möglichst viele Menschen zu überzeugen.
Was den zweiten Punkt angeht: die jeweiligen Kulturen werden sich durch die Aufnahme des Christentums ändern, weil Kultur und Religion zusammen hängen. Die Menschen werden zwar nicht ihre Jagd- und Anbautechniken verändern, sie werden vermutlich ihre Ernährung beibehalten und ihre Familien- und Dorfstruktur, aber sie werden natürlich nicht mehr Amulette herstellen, die sie vor den Angriffen böser Geister schützen sollen und sie werden ihrem Dorf-Schamanen auch nicht mehr glauben, dass ihr ausbleibender Jagderfolg nur mit (bezahlten) Tipps zur rituellen Reinigung vermieden werden kann. Teilweise gibt es das übrigens auch in der Entwicklungshilfe, wobei man dann von „Aufklärung“ spricht, was für die Veränderung der Kultur aber keinen Unterschied macht. Einen größeren Unterschied macht es aber durchaus, wenn mit dem Hunger auch gleich noch das Patriarchat abschaffen und die Abtreibung einführen möchte. Hier noch ein Link zu der deutschen Reaktion.
Wer also der Mission vorwirft, Kulturen zu zerstören, weiß vermutlich weder etwas über Mission, noch über „Entwicklungshilfe“.

Artikel des Monats April 2008

AUF-Partei
[auf-partei.de] Gründung des Landesverbandes Berlin
Bücher
[crosswalk.com] Amy E. Black: Beyond Left and Right
Die Linke
[achgut] Henryk M. Broder: Autoritäre Opportunisten von links
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[merkur.de] Evangelische Allianz – Tragbalken des Protestantismus
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[pro] In „Cicero“: „Der Staat greift nach der Familie“
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[idea] Prof. Günter Rohrmoser: Deutschland arbeitet an „biologischer Selbstabschaffung“
[WELT] Gerhard Amendt: Jeder setzt sich selbst die Grenzen
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[blogkon] Zefirelli über die Kulturhegemonie der Linken
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[pro] Britischer Philosoph: Was Atheisten im Schilde führen
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[idea] Vorsicht bei ausländischen Prophetien über Deutschland
US-Evangelikale
[taz] Marcia Pally: Der Wandel der Evangelikalen
[christiantoday.com] Bill Hybels: The DNA of effective leadership
[christianitytoday.com] Yes, Nominal Evangelicals Exist
US-Wahl
[nyt] Maureen Dowd: Hillary or Nobody
[charismamag.com] Drew Dyck: The Preacher Who Dared to Be President
[commentarymagazine.com] Peter Wehner: The High Cost of Hillary