Die biblische Lehre von der Erkenntnis Gottes

Die wichtigste Stelle der Bibel, mit der die Möglichkeit einer natürlichen Theologie begründet wurde, ist Röm 1,20 (wobei eigentlich das ganze Kapitel die heidnische Gotteserkenntnis thematisiert). Allerdings fällt auf, wie sehr sich dieser Text von denenen mittelalterlicher Autoren unterscheidet. Und tatsächlich widerspricht er sogar allen traditionellen Beweisversuchen:

Die Gottesbeweise gehen alle von Prämissen aus, die keine Gotteserkenntnis enthalten und arbeiten sich dann durch schlaue Überlegungen hoch bis zur Erkenntnis Gottes. Dieses Vorgehen widerspricht Röm 1 diametral:
1. Die Erkenntnis Gottes muss nach Röm 1 nicht erarbeitet werden, sondern liegt offen zutage.
2. Es geht in Röm 1 nur um die Erklärung dafür, wie es zur Nichterkenntnis Gottes kommt. Hierzu muss man sich entscheiden, die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederzuhalten (V.18).
3. Der Inhalt dieser Erkenntnis ist nicht der „erste Beweger“ oder dergleichen, sondern eine umfassende Entfaltung göttlicher Eigenschaften vor unseren Augen.
4. Nicht dem Menschen kommt in Röm 1 die Ehre zu, sondern Gott. Dem Mensch bleibt nur die Schande, Wahrheit durch Ungerechtigkeit niedergehalten zu haben.
5. Der Mensch hat in den Gottesbeweisen nur eine rudimentäre Gottesvorstellung und muss von diesem Punkt weitergehen zu der Frage, wer dieser Gott eigentlich ist und welche Konsequenzen dies hat. In Röm 1 hingegen liegt Gottes Wesen in den für uns wichtigen Aspekten schon offen:

„Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien;“ (V.20)

In V.32 wird sogar gesagt, dass der Wille Gottes an die Menschen erkennbar ist. In reformierten Bekenntnisschriften wird an dieser Stelle allerdings hinzugefügt, dass diese Erkenntnis nur ausreiche, um den Zorn Gottes zu erkennen, nicht jedoch die Gnade Gottes. Aber das ist nicht richtig. Denn in Apg. 14,17 spricht Paulus einen weiteren Teil natürlicher Gotteserkenntnis an: „Er (Gott) ließ in den vergangenen Geschlechtern alle Nationen in ihren eigenen Wegen gehen, obwohl er sich doch nicht unbezeugt gelassen hat, indem er Gutes tat und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gab und eure Herzen mit Speise und Fröhlichkeit erfüllte.“ Hier wird also ganz deutlich das Erbarmen Gottes über die Menschen deutlich, die zwar um seinen Zorn wissen, aber gleichzeitig seine Gnade jeden Tag ganz einfach daran erkennen könnten sollten, dass er ihnen Regen und Sonne schenkt und ihnen sogar soviel gibt, dass sie sich freuen können.

Der moderne Mensch wird hier allerdings einwenden, dass diese Vorstellungen von Gotteserkenntnis bestenfalls für ein vorwissenschaftliches Zeitalter gelten und seit der Evolutionstheorie keineswegs mehr in dem „Geschaffenen“ Gott erkannt werden könne. Tatsächlich berührt die Evolutionstheorie den Gedanken dieses Textes noch nicht einmal – unabhängig von der Frage, was sie überhaupt erklären kann. Denn Paulus nennt hier die Erkannbarkeit von Gottes „ewiger Kraft“ und „Göttlichkeit“. Dieses Wissen kann man durch andere Bibelstellen noch ergänzen: nach Psalm 104,24 hat Gott die Erde „mit Weisheit“ gegründet und jeder, der sich mit Gottes Werken beschäftigt, weiß, was damit gemeint ist. Die Evolutionstheorie kann bestenfalls erklären, warum es Nutzen gibt. Sie kann aber nicht erklären, wieso die Welt Gottes Herrlichkeit wiederspiegelt. Ein Nutzen wäre doch auch mit weniger Vielfalt, weniger Schönheit, weniger Komplexität weniger Herrlichkeit gegeben. Woher kommt die Erhabenheit, die Majestät, eben die Göttlichkeit, die sich in allem Geschaffenen noch wiederspiegelt? Sie erklärt auch nicht die Zeit für Vergnügen und Dankbarkeit, wo sie doch angeblich nur die Überlebensvorteile selektiert. Alle evolutionistischen Erklärungsversuche hierfür bleiben bruchstückhaft.
Und zuletzt scheitert sie an der Liebe Gottes. Sie kann nicht erklären, wie Menschen auf Feindesliebe kommen, die so weit geht, dass sie jemand für seine Feinde sogar aus Liebe töten lässt. In der Natur finden wir vielleicht noch die Selbstaufopferung für die eigenen Kinder oder für Freunde. Aber kein Tier und kein Mensch wird von seiner natürlichen Veranlagung seine eigenen Kinder für seine Feinde aus Liebe opfern. Die Liebe Gottes übersteigt alles, was wir von der Natur kennen und lenkt unseren Blick direkt auf den Schöpfer. Damit ist das Kreuz selbst der beste Gottesbeweis der Geschichte. Vor ihm kommt der Zweifler zur Ruhe.
Zentrale Bibelstellen: Röm 1 und 2 Apg 14,17

(Quelle: biblipedia.de; leicht gekürzte und veränderte Fassung)

Von der Vaterlandsliebe

Gehört Patriotismus überhaupt in die Kategorie „theologisch konservativ“, oder ist es „nationalkonservativ“? Die Frage lautet Ja und Nein, jenachdem, welchen Patriotismus man meint.
Spricht man von „Stolz auf das Vaterland“ ist er dumm und gefährlich. Meint man aber die „Liebe zum Vaterland“ ist er eine wichtige Pflicht jedes Christen. Beide Haltungen schließen sich wechselseitig und unerbittlich aus: wo Liebe herrscht, ist man sich auch der Fehler des Geliebten bewusst und wird einfühlsam für die Liebe anderer Menschen zu ihrem Land. Der Stolz ist eigentlich gar nicht auf das Land gerichtet sondern blickt nach „außen“. „Innen“ und „außen“ sind für den Landesstolz wichtige Kategorien und die Wahrnehmung wird von ihnen bestimmt. Er hört im Gegensatz zur Liebe zum Glück spätestens dann auf, wenn die Makel des eigenen Landes nicht mehr zu übersehen sind. Dann ist die Stunde der Vaterlandsliebe gekommen, die liebt, wo es nichts Gefälliges mehr gibt und Gefälliges findet, wo der Stolze die Suche aufgegeben hat.

C.S. Lewis schreibt interessanterweise in seinem Buch „Was man Liebe nennt“ (von 1960) u.a. auch über den Patriotismus. Ich möchte hier nur einen kleinen Auszug eines größeren lesenswerten Abschnittes zu diesem Thema zitieren. Lewis spricht als Christ hier von der (englischen) Vaterlandsliebe:
„Patriotismus hat viele Gesichter. Wer ihn ganz über Bord werfen möchte, hat wohl nicht überlegt, was ganz gewiss an seine Stelle treten würde. Mancherorts kann man da bereits beobachten. Die Nationen werden wohl noch lange Zeit, vielleicht immer, bedroht sein. Die Regierungen müssen die Bürger irgendwie zur Landesverteidigung motivieren (für Auslandseinsätze und „Blauhelm“ und andere „Missionen“ gilt das im Folgenden gesagte uneingeschränkt auch; Anm. Moorwackler). Wo das Gefühl des Patriotismus zerstört ist, muss man den Leuten jeden zwischenstaatlichen Konflikt als ethische Streitfrage darstellen. Wenn sie für das Vaterland weder Schweiß noch Blut vergießen wollen, muss man ihnen weismachen, dass sie für die Gerechtigkeit, die Zivilisation oder die Humanität kämpfen. Das ist ein Schritt abwärts, nicht aufwärts. Patriotisches Gefühl braucht natürlich ethische Grundsätze nicht außer acht zu lassen. Gute Menschen musste man davon überzeugen, dass die Sache des Vaterlandes gerecht sei; aber es ging doch um die Sache des Landes, nicht um die Gerechtigkeit als solche. Der Unterschied scheint mir wichtig. Ich kann es ohne Selbstgerechtigkeit und Heuchelei richtig finden, mein Haus mit Gewalt gegen einen Einbrecher zu verteidigen. Wenn ich aber behaupte, ich hätte ihm aus moralischer Überzeugung ein blaues Auge geschlagen – ohne Rücksicht darauf, dass es sich um MEIN Haus handelte -, dann werde ich unausstehlich. Ebenso verlogen ist der Anspruch, wir kämpften nur für England, wenn Englands Sache gerecht sei – etwa so wie irgendein neutraler Don Quijote. Unsinn zieht das Böse nach sich. Wenn die Sache unseres Vaterlandes die Sache Gottes ist, müssen Kriege zu Vernichtungskriegen werden. Dingen, die sehr irdisch sind, wird eine falsche Transzendenz verliehen.
Das Großartige an den alten patriotischen Gefühlen war, dass sie die Menschen zum äußersten Einsatz stählten – und dies immer im Bewusstsein, dass es Gefühle waren. Kriege konnten heldenmütig sein, ohne sich als heilige Kriege aufzuspielen. Der Heldentod wurde nicht mit dem Märtyrertod verwechselt. Und das gleiche Gefühl, das in einem Nachhutgefecht so bitter ernst war, konnte in Friedenszeiten so köstlich leicht genommen werden, wie es typisch ist für jede glückliche Liebe. Es konnte über sich selbst lachen.“

Die Dekadenz der vierten Gewalt

Der Fall Eva Herman zeigt, mit welcher Schamlosigkeit und Härte in Medien bisweilen gegen Abweichler vorgegangen wird. Unter diesen Umständen darf man sich natürlich nicht wundern, wenn es in der Presse keine Unterstützung für Frau Herman gab – wer will schon seinen Job riskieren?

Es ist schade, dass Journalisten, die jederzeit für die Pressefreiheit strammstehen, sich in ihrem eigenen rechtlichen Rahmen wie Diktatoren gebärden. Man kann wohl ohne Risiko behaupten, dass Journalisten in Deutschland vor niemandem so viel Angst haben müssen wie vor Journalisten. Und das Ergebnis ist eine so unglaublich schmale Bandbreite an öffentlichen Positionen, dass eine staatlich kontrollierte Berichterstattung kaum effizienter sein könnte.

Leider ist das nicht der einzige Bereich, in dem Journalisten ihre Freiheit selbst verscherbeln und so ihr wichtiges Amt als vierte Gewalt korrumpieren.
Denn wo sie sich nicht gegenseitig aus Feigheit übereinander herfallen, erliegen sie dem Wunsch nach Geld und Anerkennung: sie berichten über bezahlte Reisen, lassen sich von Autofirmen verwöhnen und sich Journalistenrabatte auf wirklich alles gewähren. In der Politik lieben sie es, mit den Großen und Wichtigen bei den Empfängen zu speisen und für den Hauch, am Luxus der Reichen teilzunehmen und vielleicht von Politikern ein paar Insiderinformationen zu erhalten, wird ihr Ton dünn und schlaff.

http://www3.ndr.de/ndrtv_pages_std/0,3147,OID3433756,00.html

Auf der anderern Seite verlieren selbst seriöse Medien jeden Anstand, wenn es um Gruppen geht, mit denen man weder Ansehen noch Geld gewinnen lässt. Hier scheitern auch Blätter wie der Spiegel an den grundlegendsten Regeln des Anstandes. Der Spiegel hat in einem Leitartikel über die Entstehung des Monotheismus seine Argumentation zu wesentlichen Teilen auf die Aussagen Jan Assmanns gestützt, ihn aber offenbar falsch verstanden. Die Korrektur Assmanns erschien nicht.

http://spiegelkritik.de/category/spiegel/page/3/

Wie sieht die Lösung aus? Brauchen wir eine Kontrolle der Medien? Ich bin überzeugt, dass sich fehlender Anstand nicht durch staatlichen Zwang einfordern lässt. Es sei denn, es handelt sich um Extremfälle wie Korruption: es sollte generell verboten sein (bis hin zum Berufsverbot!), dass Journalisten Geld von Menschen oder Institutionen erhalten, über die sie berichten. Dazu zählt auch die Teilnahme an politischen Feiern (also Finger weg vom Büffet und Interviews am besten nur zu zweit durchführen, um Schmeicheleien und Kumpanei weitestgehend zu vermeiden).

Grundsätzlich empfiehlt es sich aber eher, die Zeitungen abzubestellen. Wer sich für ein Thema interessiert, erfährt heute alles Wesentliche – sofern es überhaupt etwas Wesentliches darüber zu sagen gibt – im Internet kostenlos. Hier erhält man auch ein Mindestmaß an Vielfalt.

Waren die Nazis familienfreundlich?

Man kann die Familienpolitik der Nazis leicht zusammenfassen: „Mütter“ wurden geehrt, wenn sie gutes Erbmaterial möglichst oft weitergaben. Sie mussten arisch, durften nicht „kriminell“ sein oder „asozial“ sein oder krank sein.
Natürlich wurde das Wort „Mutter“ in diesem Zusammenhang erwähnt, aber tatsächlich wurden Frauen dadurch zu „Zuchttieren“. Um die Fürsorge der Frau für ihre Kinder ging es dabei gar nicht. Zuviel Einfluss der Eltern auf die Kinder konnte Hitler wie jedem anderen Diktator gar nicht recht sein, weil er die ideologische Indoktrination der nächsten Generation lieber unter staatliche Aufsicht stellen wollte („die Jugend gehört uns“). Ab einem bestimmten Alter hörte daher die Bewunderung für die mütterliche Zuwendung zu ihren Kindern auf, und die Kinder sollten nach Möglichkeit ihre Zeit in der Hitler-Jugend und im BDM verbringen.
Gegen eine Arbeitstätigkeit der Frauen hatten die Nazis grundsätzlich nichts einzuwenden. Dass sie zunächst aus der Arbeitswelt herausgedrängt wurden, hatte keine ideologischen Gründe, sondern sollte den Arbeitsmarkt entspannen (was sogar gelang). Als es zu einem Arbeitskräftemangel kam, wurden sie wieder – und oft widerwillig – ins Arbeitsleben zurückgelockt.

Mit Familienfreundlichkeit oder der Achtung vor dem Beruf „Mutter“ hatte die Familienpolitik der Nazis wenig zu tun.

Die Galilei-Legende

Zum Fall Galilei habe ich einen interessanten Aufsatz von Richard Schröder gefunden („Wissenschaft contra Religion? Zum Fall Galilei“, in: Buchheim, Thomas (Hrsg.), „Die Normativität des Wirklichen. Über die Grenze zwischen Sein und Sollen, Stuttgart, 2002.)

Die Legende in Kürze (soweit sie nicht schon bekannt ist): Galilei entdeckte, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht etwa die Sonne um die Erde. Dies konnte die Kirche nicht verkraften, weil sie dadurch aus dem von Gott gegebenen Mittelpunkt verstoßen fühlte und verlangte von Galilei zu widerrufen, was dieser aus Angst auch tat. Aber auf dem Sterbebett waren seine letzten Worte „Und sie bewegt sich doch“.

Diese kleine Geschichte wurde zum Modellfall für die Kirche, für den Glauben und das ganze Mittelalter. Diese Geschichte wird erzählt, um das finstere Mittelalter mit seiner ganzen Frömmigkeit und Kirchlichkiet als Schablone für die säkularisierte Neuzeit und die Aufklärung zu instrumentalisieren. Wo so große Interessen am Werk sind, muss die Wahrheit schon mal leiden, und so zeigt sich, dass am Fall Galilei so gar nichts Brauchbares für eine Diskreditierung des mittelalterlichen Lebens und des christlichen Glaubens herausgeschlagen werden kann.

Hier ein paar von Schröders Widerlegungen der gängigsten Irrtümer in Kurzform:

1. Die Geozentrik sei ein Dogma der Kirche gewesen, deshalb habe diese die Heliozentrik von Anfang an bekämpft.
Die Kritik am Heliozentrischen Weltbild kam nicht aus der Theologie sondern aus der Philosophie.“Das Mittelalter war nciht programmatisch geozentrisch eingestellt, weil es programmatisch theozentrisch eingestellt war. Die Geozentrik wurde alternativlos selbstverständlich und nicht kämperisch vertreten, weil die Heliozentrik nicht bekannt war.“ Die Renaissance beispielsweise wollte das All wie die Antike wieder belebt wissen, während Copernicus von christlichem Eifer beseelt auf der Suche nach den Regeln war, die der herrlichste Werkmeister seiner Weltmaschine gegeben hat. „Der Schöpfungsgedanke löst eine dreifache Entmythologisierung der Kosmotheologie aus: Er depotenzierte das göttliche All zu Gottes Werk oder Schöpfung, er depotenzierte damit die innerweltlichen Standortunterschiede (nichts Weltliches ist göttlich) und er wechselt die Perspektive vom Anblick des Kosmos in eiwiger Gegenwart zur vorweltlichen Perspektive des Schöpfers, der die Welt nach Plan geschaffen – und zum Vergehen bestimmt hat.“

2. Die Heliozentrik sei von der Kirche abgelehnt worden, weil sie der Erde den hervorgehobenen Ort in der Mitte der Welt nimmt, sie also depotenziert.
Zunächst einmal war den Menschen im Mittelalter auch schon klar, dass das Universum keinen Mittelpunkt hat, und dass die Bedeutung der Erde nicht von ihrer astronomischen Lage abhängt.
„Die Metaphorik der Mitte musste in einem kosmotheologischen Weltverständnis viel größeres Gewicht haben als im Verständnis der Welt als Schöpfung Gottes, denn dort war die Frage nach dem Struktur des Alls unmittelbar eine theologische. Die vorchristliche antike Philosophie war (außer der Epikurs) kosmotheologisch orientiert.“ Allerdings mit zwei entgegengesetzen Positionen: Für Aristoteles war die Peripherie des Universums das Göttlichste, für die Stoa das Zentrum!
Für die Stoa war es daher in der Tat ein Sakrileg, der Erde die Mittelpunktstellung streitig zu machen. Und die Renaissance habe sich vor allem auf die Philosophie der Stoa gestützt.
„Der Gedanke, dass die Mittelpunktstellung der Erde ein Vorzug sei, ist nicht mittelalterlich, sondern typisch für die Renaissance, die an stoische Auffassungen, aber auch an die Alchimie und die im Mittelalter als Aberglaube diskreditierte Astrologie anknüpfend die These von der Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos und der „Sympathie“ des Alls ausbreitete“.

3 Galilei habe wissenschaftlich gültige Beweise für die Heliozentrik vorgetragen.
Tatsächlich hielt Galilei die Tatsache für Ebbe und Flut für ein schlagendes Argument für die Erdbewegung (was allerdings nicht stimmt).
„Galilei hat zwar wie kein anderer den Copernicanismus populär gemacht, seine Beweislage aber hat er nicht verbessert.“
„Der erste zwingende Beweis für die Bewegung der Erde wurde 1728 erbracht.“

Warum wurde Galilei verurteilt? Für seine astrologischen Forschungen hätte man ihn schon 10 Jahre früher zur Rechenschaft ziehen können.
Schröder resümmiert: „Die Forschung ist sich denn auch einig, dass ein Meinungsumschwung des Papstes der Grund für den Prozess gewesen ist. Er fühlte sich persönlich durch Galileis Dialog (kursiv i.O.) lächerlich gemacht. Außerdem hatter er sich als Mitspieler in der Politik des Dreißigjährigen Krieges in eine zwielichtige Lage manovriert, indem er mit dne protestantischen Schweden gegen den katholischen Kaiser agierte. Dieser war übrigens ein begeisterter Astronom, der den Protestanten Kepler an seinen Hof geholt hatte und Galilei schätzte. Widerstand gegen diese seine machiavelistische Politik in der Kurie beantwortete dieser Papst mit Säuberungen.“
Es waren also weder geunin theologische noch philisophische Gründe, sondern ganz einfach politische. Wer sich für die Details dieses komplexen Faqlls interessiert, sollte den Aufsatz Schröders lesen.

Der Hobbyfilmer

Bin Laden hat sich den Bart gefärbt und nach meinem ersten Eindruck auch etws geschnitten. Was will uns der populärste Hobbyfilmer der Welt damit sagen? Vielleicht, dass er gefallen möchte? Neu ist nämlich auch der deutliche Versuch, den Mainstream des Westens zu treffen: also ein bisschen Bush-Bashing, Wirtschaftskritik und Klimawandel, wobei ich bezweifel, dass er ein Gespür für Irone besitzt, sonst hätte er vermutlich gemerkt, dass man schlecht über den Klimawandel jammern kann, wenn man so großen Nutzen aus dem Verkauf von Erdöl zieht.
Er scheint also langsam zu lernen, dass der Westen stark und seine Gunst eine mächtige Waffe ist. Und erfolgreiche Vorbilder hat er ja, z.B. den tibetischen Exilkönig, der hier aber erheblich routinierter wirkt.
Meine Theorie ist, dass Bin Laden in irgendwelchen Rattenlöchern davon träumt, eines Tages auch einmal so populär zu sein, wie der Mann aus Tibet. Vielleicht wird er ja sogar zum Kirchentag eingeladen, die richtigen Themen hat er ja schon drauf. Dann kann er ebenso seine Religion in Großveranstaltungen vor andächigem Publikum verkündigen, seine politischen Ziele verfolgen und verdient sogar noch viel Geld mit Büchern. Zur Marke „Bin Laden“ sollten dann allerdings auf jeden Fall auch selbst gedrehte Homevideos gehören. Hier hat er eindeutig den Erfahrungsvorsprung.

Was wollen die islamischen Terroristen eigentlich?

Bei den meisten Terroristen sind die Ziele einigermaßen durchschaubar: entweder sollen Gefangene entlassen werden, Truppen sich zurückziehen oder es geht einfach um Geld. Aber welchen Nutzen hat der Terrorismus, den wir z.Zt. erleben? Hierzu herrscht erstaunlich viel Schweigen im deutschen Blätterwald. Stattdessen denkt man lieber über praktische Fragen der Anti-Terror-Abwehr nach, was ja grundsätzlich nicht verkehrt ist.

Die sozialen Gründe für den Terror musste man schon früh aufgeben, weil die Terroristen eher aus der Mittelschicht kamen. Und alle möglichen psychologischen Teorien scheitern daran, dass sie nicht das Phänomen des islamischen Terrorismus erklären, denn verbitterte, hasserfüllte Menschen gibt es in jeder Kultur.
In konservativen Kreisen wird der Terror oft als Mittel der Mission oder Verbreitung des islamischen Herrschaftsgebietes gedeutet. So erklären es übrigens auch manche ehemalige Muslime:

http://www.gruene-pest.de/showthread.php?t=240770
http://de.danielpipes.org/article/2800

Aber diese Erklärungen greifen immer noch zu kurz, denn eine Ausbreitung der eigenen Religion oder Weltanschauung wünscht sich doch jeder, nicht nur die Muslime. Davon abgesehen, wählen sie dafür denkbar dämliche Mittel, wenn sie ernsthaft glauben, die Deutschen führen die Scharia ein, weil sie sich vom Islam bedroht fühlen. Der größte Erfolg könnte doch nur darin bestehen, dass sie rechtliche Reaktionen auslösen – die dann allerdings vor allem zum Nachteil der hier lebenden Muslime auschlagen würde. Das kann nicht der Grund sein.

Wer den Terrorismus des Islam verstehen möchte, muss die Theologie des Dschihad verstehen. Der Dschihad heißt wörtlich übersetzt soviel wie „Bemühen“ und ist ein Ausdruck für das Vorgehen gegen Sünde. Christine Schirrmacher nennt in ihrem Buch „Der Islam, Band 1“ vier Formen des Dschihad:
1. Der Jihad des Herzens: dies ist die Bekämpfung des Teufels und die Abwehr seiner Angriffe, um die Menschen zum Bösen zu verleiten.
2. Der Jihad der Zunge: Er wird gekämpft durch das Aussprechen des Wahren und Richtigen.
3. Der Jihad der Hände: Dies ist das Eintreten für das Richtige und das Vermeiden des Falschen.
4. Der Jihad des Schwertes: Nur er bedeutet Kampf und Krieg gegen die Ungläubigen und Feinde des Glaubens. (Schirrmacher, S.184).

Was nun oft übersehen wird, ist der Zusammenhang zwischen diesen vier Formen. Aus den gleichen Gründen wird gegen die eigene Sünde gekämpft wie gegen die „Gottlosen“.

Die Identität beider Formen des Jihad wird durch den speziellen Sündenbegriff im Islam möglich: Sünde ist im Islam, anders als im Christentum, etwas, das dem Menschen anhängt, ohne den Menschen völlig zu verderben. Der Kampf gegen die eigene Sünde ist daher auch immer ein Kampf gegen etwas äußeres, nicht zur eigenen Person gehörendes, wobei sich im Herzen natürlich die Versuchungen abspielen, die allerdings von Satan ausgehen und nicht aus dem Menschen selbst kommen:
„Und wenn du von seiten des Satans (zu Bosheit und Gehässigkeit) aufgestachelt wirst, dann such Zuflucht bei Gott! Er hört und weiß (alles).“ (Sure 7, 200) Ähnliches befürchtet man auch von den Ungläubigen. Das Böse wird also immer von außen an den Muslim herangetragen. Dieser Unterschied zum Christentum ist der grundlegenste, um den Jihad zu verstehen aber nicht der einzige. Denn bis hierhin hat man nur gezeigt, weshalb es sich um den gleichen Jihad handelt, egal ob man gegen die Sünde im eigenen Leben kämpft oder gegen die Sünde in der Welt. Man versteht aber noch nicht, welche Bedeutung dieser Kampf hat.

Die Bedeutung des Jihad im Leben eines Muslim ergibt sich aus der Lehre von der Barmherzigkeit Allahs:
die Barmherzigkeit steht grundsätzlich jedem offen, aber sie folgt dem Gehorsam nach.
„Wenn ihr Gott liebt, dann folgt mir, damit (auch) Gott euch liebt und euch eure Schuld vergibt!“ (Sure 3,31). Im Gegensatz dazu ist Jesus für uns gestorben, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8).
Das gerechte Handeln ist im Islam also immer ein Weg zur Vergebung. Man kommt aber nie an den Punkt, wo man sich der Gnade sicher sein kann, der Islam kennt keine Heilsgewissheit und Allah vergibt seine Gnade, wie es ihm gefällt.

Im Koran wird diese Souveränität Allahs betont. Z.B. in Sure 13,13 „Und der Donner lobpreist ihn, und (desgleichen) die Engel, aus Furcht vor ihm. Er schickt die (Blitze und) Donnerschläge und trifft damit, wen er will. Dabei streiten sie (d.h. die Ungläubigen, Anm. des Übersetzers Rudi Paret) über Gott, wo er (sich doch so gewaltig zeigt und) voller Tücke ist.“ Mit dem Streit über Gott ist wohl in diesem Zusammenhang die Überlegungen über Gottes Gerechtigkeit zu verstehen, wie sie auch im Buch Hiob beschrieben sind. Während allerdings im Buch Hiob die Frage den Menschen aus der Hand genommen wird durch Gottes Antwort, bietet der Koran eine sehr menschliche Erklärung für Allahs Unberechenbarkeit: er ist voller „Tücke“. Dieses Merkmal darf wohl kaum moralisch wertend gemeint sein, sondern ist eine spitze Formulierung für die allgemeine Vorstellung, dass der Muslim nie zur letzten Gewissheit über seinen Heilszustand vor Allah kommt, der hier nach seinem Gutdünken oder eben willkürlich entscheidet.

Der Jihad ist also die einzige Möglichkeit, sich die Gunst Allahs zu erwerben. Der Jihad erwächst direkt aus dem Lebensgefühl, dass der Muslim in seiner Stellung vor Allah empfinden muss. Das „Bemühen“ (Jihad) ist gelebter Gehorsam und erhebt den Muslim über den Gottlosen, es ist die treibende Kraft hinter den 5 Säulen des Islam und die stete Unruhe die aus der Heilsunsicherheit erwächst. Der Jihad ist also selbst eine religiöse Übung – unabhängig von der erzielten Wirkung! Nur so kann man die Anschläge verstehen. Es gibt im Islam verschiedene Auffassungen darüber, wer den Jihad ausrufen muss, und welche äußeren Bedingungen gegeben sein müssen und ich sage nicht, dass die terroristische Variante die einzige oder beste Auslegung des Jihad ist. Man kann also nicht voraussagen, welche Formen der Jihad annimmt, aber man kann die auftretenden Formen leicht durch die Theologie des Jihad erklären.

Es gibt auch in der Bibel von Gott befohlene Kriege. Der Unterschied zum Jihad besteht aber darin, dass die Kriege zwar aus Gehorsam geführt werden aber bereits die Zugehörigkeit zum Volk Gottes voraussetzen, während der Jihad das ständige Bemühen um die Gunst Allahs darstellt und der Krieg so selbst zur religiösen Übung wird.

Im Christentum gibt es natürlich auch den Kampf gegen die Sünde. Aber hier werden wir durch den Glauben an die Vergebung Gottes durch sein stellvertretendes Opfer durch Jesus erlöst. Die Sünde ist auch keine bloße Tatsünde sondern ein Verderben, dass den Menschen von seinem Innersten her verwüstet hat. Hier ist an eine besondere Auszeichnung durch gute Taten vor allen anderen Menschen nicht zu denken. Jeder Christ weiß: wenn mein Heil darauf beruhte, dass Gott meine besonderen Werke mit denen anderer Menschen vergleicht, bin ich verloren. Deswegen lehrt Jesus uns zu beten „Und vergib uns unsere Sünden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Der Christ ist Sünder wie der Gottlose. Er unterscheidet sich nicht dadurch, dass er sich durch bestimmte Leistungen hervorgearbeitet hat, sondern dass er seine Schuld von Gott aufgedeckt bekommt und durch das Blut eines anderen gerecht vor Gott steht.
Ein bekannter Text über den geistlichen Kampf beginnt daher mit den Worten:
„Werdet stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke“ (Eph. 6,10) Die ganzen Waffen, die dann aufgezählt werden, sind Waffen, die wir bereits von Gott erhalten haben. Es ist also ganz wörtlich zu verstehen, dass wir hier in SEINER Stärke stark werden sollen. Unser Kampf findet also bereits durch ihn statt, und unsere Waffen sind sein Heil und seine Gnade, also gerade die Dinge, mit denen Gott uns voraussetzungslos beschenkt hat. Woher könnte uns ein Urteil drohen, wenn Gott selbst uns vergeben hat und die Gerechtigkeit seines eigenen Sohnes anrechnet? An die Stelle des Kampfes tritt hier nur noch das eigene Absterben und die Dankbarkeit.
Gewaltätig sind Christen vor allem dort geworden, wo sie diese Lehre missachtet und sich eine eigene Gesetzesreligion erschaffen haben.

Was ist eigentlich „Vernunft“?

Vernunft scheint eine der wenigen Dinge zu sein, die alle gut finden. Mit Vernunft werden politische und wirtschaftliche und natürlich jede Menge privater Entscheidungen getroffen. Ein Stückchen heile Welt in einer chaotischen Zeit? Vonwegen!

Wer an seiner Vernunft zweifeln möchte, muss sich nur einmal die belebte Geschichte dieses Begriffes ansehen: in der Antike wusste man noch am meisten über sie zu sagen. Hier erkannte man durch die Vernunft, dass die Planeten sich auf Kreisbahnen bewegen, dass das Sklaventum eine Grundfeste der Anthropologie ist und Frauen weniger Zähne haben als Männer (der Vorteil der Vernunft bestand nämlich darin, dass man sich nicht mehr die Mühe machen musste, dies nach zu prüfen).
Spaß beiseite. In den folgenden Jahrhunderten wurde die denkerische Grundlage „Vernunft“ immer dünner. Heute beschränkt man sich in der Philosophie eher darauf, Sprache zu analysieren. Mit einem gewissen Pathos wird der Begriff eigentlich nur noch verwendet, wenn es um Religion geht. Denn wenn man eines über die Vernunft sicher weiß, dann auf jeden Fall, dass sie nicht religiös ist und sich nicht auf Autoritäten stützt.
Wenn man so darüber nachdenkt, fragt man sich aber

1. Wieso soll es vernünftig sein, nicht auf Menschen zu hören, die mehr Ahnung haben als man selbst? Wir glauben ja Jesus beispielsweise, weil er Gott ist und seinen Vater kennt. Also ist es doch nur vernünftig sein Wort ernst zu nehmen, oder?
2. Wieso berufen sich vernünftige Menschen so gerne auf die „Aufklärung“, also eine intellektuelle Textsammlung von Männern, die dadurch selbstverständlich zu Autoritäten werden?

Und die dritte große Frage:
Ist „Vernunft“ demnach nichts weiter als eine Denkschranke, die nichts leistet, als religiöse Argumente zu verbieten?

Wirklich haarsträubend wird es aber erst, wenn man sich das Leben im inneren dieser Denkschranke ansieht: die Aufklärung hat, was die wenigsten wissen, weil der Geschichtsunterricht darüber nichts sagt, eine Diktatur hervorgebracht! In Frankreich bestand der Kampf gegen Autoritäten nicht zuletzt in dem (gewalttätigen und zerstörerischen) Kampf gegen alle Kirchen und in der Aufrichtung einer Diktatur der Vernunft.

In ganz Europa kam es gerade in dem Zeitalter der Aufklärung zu einer starken Hinwendung zum Aberglauben, der sich dann in den Hexenverfolgungen nur zuspitzte. Dieser befremdliche Umstand wird heute stereotyp als Anpassungsstörung dieser Epoche gedeutet, als die Projektion der Angst vor dem Neuen und Fremden auf eine bestimmte Personengruppe. Diese Deutung übersieht allerdings, dass der Hexenwahn nur ein kleiner Teil des Aberglaubens war, der in dieser Zeit so große Verbreitung fand.

Und gibt es heute nicht die gleiche Diskrepanz? Öffentlich feiert man den Abschied vom Christentum und die Folgen der Aufklärung, aber wer die Buchläden beobachtet, stellt fest, dass die Esoterik sich flächendeckend im Bürgertum verbreitet hat. Aus den ehemals kleinen Regalen sind mittlerweile große Abteilungen an zentraler Stelle geworden. Davon abgesehen, dass der Aberglaube in alle anderen Abteilungen ausstrahlt: Religion, Lebenshilfe, Literatur, Medizin aber auch Architektur und Gartenbau.
Aus dem Bekenntnis zur Wissenschaft ist eine allgemeine Akzeptanz der sog. „alternativen Medizin“ geworden. Wissenschaftler sind hier ziemlich machtlos, und kaum ein Arzt kann es sich heute noch leisten, keine Homöopathischen Medikamente zu verschreiben.
Im öffentlich rechtlichen Fernsehen gibt es Dokumentationen, in denen ausgiebig Wunderheiler und div. Wasserspezialisten über ihre Kunst befragt werden oder Leute, die Orte mit besonderer „Energie“ vorstellen.

In der Renaissance gab es eine ähnliche Entwicklung: verschiedene Intellektuelle wandten sich vom Christentum ab und dem Aberglauben zu (auch hierüber schweigt natürlich der Geschichtsunterricht). Der Grund war hier vor allem das antike Vorbild selbst, das man nicht ohne den Glauben an Astrologie bekommt. Aber es entstanden auch Formen, die eher zeittypisch waren und dennoch in der Renaissance unterstützt wurden.
Jakob Burckhardt schreibt in „Die Kultur der Renaissance in Italien“, deren großer Bewunderer er eigentlich ist (in der Ausgabe von 1960, S. 561):
„Bei weitem unschuldiger als die Sterndeutung erscheint der Glaube an Vorzeichen. Das ganze Mittelalter hatte einen großen Vorrat desselben aus seinen verschiedenen Heidentümern ererbt, und Italien wird wohl darin am wenigsten zurückgeblieben sein. Was aber die Sache hier eigentümlich färbt, ist die Unterstützung, welche der Humanismus diesem populären Wahn leistet; er kommt dem ererbten Stück Heidentum mit einem literarisch erarbeiteten zu Hülfe.“

Wenn wir in unserer Zeit die Diskrepanz zwischen vollmundigem Bekenntnis zur Autonomie, Vernunft und atheistischen Wissenschaft auf der einen Seite und das Aufblühen des Aberglaubens auf der anderen Seite beobachten, stehen wir damit auf jeden Fall nicht alleine.

Der Begriff „Vernunft“ ist also mit fast allem außer dem Christentum kompatibel (auch mit Wissenschaftsfeindlichkeit, Diktatur, Rassismus, Sexismus, Gewalt und Aberglauben). Er enthält inhaltlich nichts außer einer Denkschranke und wo er Inhalte belegen soll, kommt er mit denkerischer Gewalt daher – denn wer könnte schon der Vernunft widersprechen?
Damit wird er zum idealen Mittel, um einen Mainstream festzulegen und gegen jede Abweichung zu verteidigen. Niemand wagt es, dieser Grundlage zu widersprechen, jeder akzeptiert stillschweigend die gemeinte Denkschranke und ist anschließend darauf angewiesen, den Begriff von anderen füllen zu lassen.
Diese Form der Vernunftdiktatur funktioniert allerdings nur, solange man nicht anfängt, gegen den Vernunftbegriff selbst zu polemisieren.

Wie glaubwürdig ist der Mann, der sich mit „ozeangleiche Weisheit“ anreden lässt?

Seine Jünger nennen ihn „Dalai Lama“ und sogar Spiegelreporter reden ihn mit „Seine Heiligkeit“ an. Ich bleibe bei seinem bürgerlichen Namen Tenzin Gyatso.

Nach buddhistischer Lehre hat Tenzin schon unzählige Leben hinter sich und ist nun bei der höchsten Weisheit angelangt. Diese Eigenschaft macht ihn bekanntlich nicht nur zum religiösen sondern auch zum politischen Oberhaupt Tibets. Früher nannte man das „König“, heute „tibetisches Oberhaupt“ und die Regierungsform heißt eigentlich „Theokratie“, oder? egal. Genaugenommen ist er ein „Friedensbotschafter“ (frühere Bezeichnung: „Exilkönig“), denn die Chinesen lassen ihn nicht ins Land, weil sie meinen, ein modernes Land brauche beispielsweise eine Eisenbahn dringender als einen König. Zur Eisenbahn sagt Mr. Weisheit in einem Spiegelinterview:
„Nach ihrer Eröffnung im vorigen Juli kommen nach unseren Informationen jeden Tag 5000 bis 6000 Chinesen nach Tibet, von denen nur 2000 zurückkehren. Sogar Prostituierte und Bettler lassen sich in Tibet nieder. Wir werden in die Ecke gedrängt, überfremdet – was da stattfindet, ist eine Art kultureller Völkermord.“

http://tibet-initiative.de/frames.html?Seite=/Kap9/9-4/Kap9_4-177.html

„Überfremdung“? Darf man in einem deutschen Interview so etwas sagen? Manche schon, wobei der Teil in der Presseschau allerdings nicht zitiert wurde. Nun muss sich Tenzin ja nicht mit deutscher politischer Korrektheit auskennen, aber die interessantere Frage ist doch, wie sich die Sorge vor Überfremdung mit dem von ihm gelehrten Mitgefühl zusammen denken lässt. Heißt „Mitgefühl“ nicht gerade, sich der Einheit mit der anderen Person im umfassendsten Sinne bewusst zu werden? Ist das nicht gerade die Lehre des Buddhismus? Wie kann man dann überhaupt jemanden als „fremd“ empfinden?
Diese Sorge rückt natürlich auch seine Toleranz in ein anderes Licht. Er ermutigt jeden, in seiner Religion zu bleiben und in seiner Kultur verwurzelt zu sein. Gut, diese Toleranz besitzen auch die deutschen Neonazis. Die haben nämlich nichts gegen Ausländer – sie wollen sie nur nicht in Deutschland haben. Gleichzeitig sieht Tenzin aber kein Problem darin, den Buddhismus zu verbreiten und damit andere Kulturen möglicherweise zu verändern. Mir solls recht sein, man darf sich dann nur nicht über die Chinesen beschweren. Wenn der Buddhismus zu den „missionierenden Religionen“ gezählt würde, müsste man hier glatt von „Mission“ sprechen. Also alle sollen bei ihrer Religion bleiben und sich mit Buddhismus beschäftigen? Nein, sagt er, Mitgefühl wäre die zentrale Botschaft in allen Religionen. Das stimmt im Christentum sicher nicht: hier geht es zunächst tatsächlich um die Errettung und das Leben nach dem Tod. Die Ethik wiederum ist nicht vom Mitgefühl, sondern von der Nächstenliebe bestimmt, die absolut nichts mit dem buddhistischen Mitgefühl zu tun hat! Auch hier klingt die Botschaft Tenzins versöhnlich und entpuppt sich erst bei näherem Hinsehen als große Heuchelei: alle dürfen in ihrer Religion bleiben (ja, sollen sie sogar!), wenn sie anfangen, buddhistisch zu denken. Denn wenn er erklärt, was Mitgefühl meint, wird sehr schnell klar, dass dieser Begriff im Zentrum des Buddhismus steht und keineswegs in allen Religionen übernommen werden kann.

Seine Politik ist nicht weniger verlogen: er predigt überall den Frieden und macht sich über Politiker lustig. Den Irakkrieg hätte er gewaltlos gelöst (Diese Fähigkeit kann er gerne beim nächsten Konflikt unter Beweis stellen) und seine einzige Mission ist das Überleben Tibets. Als kluger Mensch hat er schnell erkannt, dass Tibet eine gewaltsame Befreiung wohl kaum überleben würde und deswegen probiert er es mit starken Freunden. Hat sich irgend jemand mal die Frage gestellt, weshalb er im Westen über Tibet redet? Es ist wohl keine gewagte Unterstellung, wenn man davon ausgeht, dass er die wirtschaftliche und politische Macht des reichen Westens für seine politische Ziele verwenden möchte. Er befindet sich in einem Krieg und versucht andere dazu zu bringen, die Waffen für ihn einzusetzen – wobei er natürlich immer fein raus ist und jedes grobe Vorgehen verurteilen würde. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was daran tolerant oder friedlich sein soll.

Da er aber schlecht als Exilkönig hier aufkreuzen und sagen kann, er wolle wieder König in seinem kleinen theokratischen Bauernstaat werden, muss er die Heuchelei noch etwas weiter treiben. Er hat in Tibet (aus dem Exil) die Demokratie eingeführt und würde sogar einen weiblichen Nachfolger begrüßen. Man fragt sich nur, wieso die ozeangleichen Weisheiten vor ihm nich schon auf diese Ideen gekommen sind, wenn er sie ehrlich meint. Wieso hat er die Demokratie nich schon eingeführt, als er noch regierte? Wieso muss er nach tausenden von Leben erst in den Westen kommen, um so eine grundsätzliche Frage für sich zu klären?

Die Heuchelei Tenzins ist so offensichtlich, dass es in jedem anderen Fall geschmacklos wäre, darauf herum zu reiten. Hier scheinen aber selbst kritische Medien mit einer geradezu bewunderswerten Naivität begabt zu sein.

Um das Phänomen zu verstehen, muss man nach ähnlichen Fällen suchen: z.B. Gandhi. Auch er war im Westen auf friedlicher Kriegsmission und auch ihm lagen die Leute zu Füßen. Offenbar gibt es eine Schablone, in die die beiden hinein passen. Vielleicht ist es die Schablone vom alten weisen Mann aus der Ferne, der ganz anders aussieht und selbstbewusst, vielleicht auch frech genug, auftritt. Wenn man diese Rolle beherrscht, wird einem offenbar alles nachgesehen, man lebt gut, wird eingeladen und gehört, man kann seine politischen Interessen verfolgen und nebenbei auch sonst alles loswerden, was man über das Leben sagen möchte.